Frau Zieris, Sie schreiben in Ihrem LinkedIn-Post, dass Familie die Karriere nicht leichter machen darf – aber eben auch nicht schwerer. Wo erleben Sie im Wissenschaftssystem aktuell die größten strukturellen Hürden?
Aus meiner Sicht ist mit eine der größten Hürden, dass die Anrechnung der Elternzeit auf die aktuelle Vertragslaufzeit im Gesetz eine „Kann“-Möglichkeit ist: Wenn ich während eines Drei-Jahres-Vertrags für ein Jahr in Elternzeit gehe, kann meine Universität meinen Vertrag um das eine Jahr verlängern (bzw. dies ausgleichen), aber sie muss es nicht. D.h. wenn Gelder oder die Stelle nach den ursprünglichen drei Jahren nicht mehr vorhanden sind, habe ich ein Jahr verloren, was ich aber zum Zeitpunkt meiner Entscheidung für oder gegen die Elternzeit noch nicht wissen konnte. Ein Jahr Elternzeit zu beantragen, wenn man eine befristete Stelle hat, ist für mich persönlich ein absolutes Risiko. Dies war u.a. der Grund ist, warum ich mich dagegen entschieden habe. Die KU als Arbeitgeber versucht ihr Möglichstes, ist aber selbstverständlich auf die finanziellen Ressourcen für das „Dranhängen“ des Jahres angewiesen. Garantien gibt es keine, dass das dann Jahre nach der Geburt des Kindes auch passiert.
Sie beschreiben die Angst, „Momentum“ - also Ihren Schwung - zu verlieren. Was bedeutet das im Hochschulalltag ganz konkret?
Die größte Einschränkung erlebe ich aktuell tatsächlich darin, nicht mehr einfach nach meinen Interessen „Ja“ sagen zu können (wie z.B. zu dem von Ihnen vorgeschlagenen persönlichen Interview). Vielmehr muss ich öfter „Leider gerade nicht möglich“ sagen. Im besten Falle bekomme ich es hin, daraus ein „Sehr gerne, und zwar mit diesen Bedingungen“ (wie z.B. das schriftliche Interview hier) zu machen. Gleichzeitig ist das nicht bei allen Anfragen möglich. Und die Sorge ist, bei zu vielen „Neins“ oder „Leider nur unter meinen Konditionen“, in Zukunft seltener oder nicht mehr für Engagements, Publikationen, Forschung etc. angefragt zu werden. Und manches geht auch tatsächlich nicht in anderen Modi, sodass es bei einem „Nein“ bleibt.
Welche Form von Unterstützung macht für Wissenschaftlerinnen mit Kindern wirklich einen Unterschied? Was erleben Sie davon bereits – und wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?
Ich erlebe, dass alle Personen und Verantwortlichen innerhalb der KU, mit denen ich Kontakt habe, großes Verständnis für meine Situation haben. Die Herausforderung liegt meistens nicht am guten Willen der Beteiligten, sondern an den starren Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems. In der Qualifikationsphase gibt es zahlreiche Termine, Tagungen oder Pflichtveranstaltungen, die mehrstündig, ganztägig und in Präsenz an anderen Standorten stattfinden. Das ist in bestimmten Familienphasen logistisch und zeitlich kaum leistbar. Was im System oft fehlt, ist eine proaktive und sichtbare Kommunikation darüber, dass für solche Fälle unkonventionelle, alternative Wege oder zeitliche Streckungen mitgedacht werden. Es braucht von institutioneller Seite viel öfter den klaren, proaktiven Hinweis: „Bei Schwierigkeiten aufgrund familiärer Verpflichtungen kontaktieren Sie uns – gemeinsam finden wir eine flexible Lösung.“ Wo dieser direkte Austausch gesucht wird, finden sich meistens auch wunderbare, individuelle Wege. Schlussendlich fehlt es häufig an der entsprechenden Kommunikation, dass Bewusstsein besteht: Dafür, dass es Personen gibt, für die die pauschalen Regelungen und Konventionen nicht funktionieren. Dafür, dass diese Personen dennoch ihr Potenzial einbringen und einsetzen möchten. Dafür, dass es ein Verlust für die Wissenschaft im Allgemeinen und den universitären Arbeitgeber ist, wenn Personen aufgrund einer Entscheidung für eine Familie durch Regelungen von der Teilhabe und Partizipation ausgeschlossen sind. Dabei müssen wir uns bewusst sein: Keine Schwangerschaft, keine Elternzeit und keine Stelle ist mit einer anderen vergleichbar. Wir sprechen im Kern immer von Einzelfällen – und damit auch von der Notwendigkeit für individuelle Entscheidungen, Bedarfe und Unterstützungsmöglichkeiten.
Ich persönlich erlebe die Stunden für studentische Hilfskräfte, die mir die KU für die Zeit nach meinem Mutterschutz finanziert, als richtige Erleichterung. Wir alle haben die gleichen 24 Stunden am Tag. Mit Kind müssen sich diese anders verteilen als zuvor. Damit hilft alles, was Zeit einspart: Aufgaben an studentische Hilfskräfte abgeben können, die Möglichkeit, Lehre über Zoom durchführen zu können etc.
Was müsste sich an Hochschulen verändern, damit Mutterschaft nicht als Karriere-Risiko wahrgenommen wird?
Für mich persönlich wäre es eine unglaubliche Erleichterung, einen unbefristeten Vertrag zu haben. Denn ich weiß, ich möchte im universitären Bereich arbeiten. Und ich weiß, ich möchte Familie. Mit meinem befristeten Vertrag fühlt es sich jedoch so an, als hätte ich mich gegen die wissenschaftliche Karriere und für Familie entschieden. Ich glaube, mit einem unbefristeten Vertrag hätte ich das Gefühl: Ich muss mich nicht entscheiden, und es ist in Ordnung, dass ich für einige Wochen, Monate oder Jahre mehr Zeit in meine Familie als in meine Karriere investiere.
Ich glaube, Mutter- (oder Vater-)schaft wird immer ein Karriere-Risiko darstellen. Dies gilt nicht nur für den akademischen Bereich, sondern in vielen Berufsfeldern wird die Entscheidung für eine Familie mit der weiteren Karriere abgewogen. Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem das nicht der Fall wäre. Denn Familie verändert die bestehenden Systeme und im Falle der Mütter auch in nicht unerheblichem Ausmaß den Körper. Aber womöglich könnte durch eine Ausweitung der unbefristeten Verträge die existenzielle Angst gemildert werden, dass eine Entscheidung für die eigene Familie einen nicht aufzuholenden Zeitverlust darstellt.
Was würden Sie jungen Wissenschaftlerinnen sagen, die Angst haben, Familie und akademische Karriere nicht vereinbaren zu können?
Allen Beteiligten muss klar sein, dass es keine leichte oder leichtfertig zu treffende Entscheidung ist: möchte ich eine Familie gründen oder nicht. Darüber hinaus gibt es nie den „perfekten“ Zeitpunkt für ein Baby, denn wenn man*frau sich nur genug Gedanken macht, findet sich immer ein Grund, warum JETZT gerade der falsche Moment ist. D.h. einen Rat habe ich nicht. Was womöglich hilft: Ein Netzwerk haben, das sehr heterogen ist und in dem Personen verschiedene Lebensmodelle in verschiedenen Karrierestufen erlebt haben und dort Erfahrungen austauschen. Vielleicht kommen dabei die Antworten, die man braucht: Wo kann ich Unterstützung anfordern? Welche Systeme funktionieren? Auf was muss ich mich realistisch einstellen? Und ich würde auch immer den Kontakt zu den Vorgesetzten suchen, um frühzeitig eine gemeinsame Planung für die entscheidenden Monate bis Jahre zu ermöglichen.
Das Interview führte Lena-Luisa Maier
Hinweis zur Aktualisierung: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde das KI-Zertifikat als Beispiel für starre zeitliche Rahmen angeführt. Dieser Passus wurde korrigiert, da das Zertifikat über mehrere Jahre erworben werden kann.