Alexander Böhlig (2. September 1912, Dresden – 25. Januar 1996, Tübingen) war ein deutscher evangelischer Theologe, Koptologe und Orientalist und zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der Erforschung des Christlichen Orients im 20. Jahrhundert. Sein wissenschaftliches Werk ist eng mit der Geschichte, den Sprachen und den Texttraditionen des orientalischen Christentums verbunden, insbesondere mit dem ägyptischen Christentum der Spätantike.
Nach Studien der evangelischen Theologie, Ägyptologie, Semitistik und Iranistik in Berlin wurde Böhlig 1934 promoviert. Sein wissenschaftlicher Werdegang führte ihn zunächst an die Preußische Akademie der Wissenschaften, bevor er 1954 einen Ruf als Professor für Geschichte des Christlichen Orients an die Universität Halle annahm. Dort lehrte er neben der Kirchengeschichte auch Sprachen des Christlichen Orients, darunter Koptisch, Syrisch und Äthiopisch, und prägte das Fach in Forschung und Lehre nachhaltig.
International bekannt wurde Alexander Böhlig vor allem durch seine maßgebliche Beteiligung an der Erforschung der Nag-Hammadi-Kodizes. Seit dem Ende der 1950er-Jahre arbeitete er in Kairo eng mit ägyptischen Wissenschaftlern zusammen, insbesondere im Umfeld des Koptischen Museums. Seine Studien, Editionen und Interpretationen dieser koptischen Texte des 4. Jahrhunderts zählen bis heute zu den grundlegenden Beiträgen zur Erschließung der religiösen Vielfalt des frühchristlichen Ägypten und des Christlichen Orients insgesamt.
Nach dem Bau der Berliner Mauer kehrte Böhlig 1963 nicht mehr in die DDR zurück, sondern übernahm eine Professur an der Universität Tübingen. Dort baute er eine eigene Abteilung für Sprachen und Kulturen des Christlichen Orients auf, die er bis zu seiner Emeritierung leitete. Auch nach seiner Emeritierung blieb er wissenschaftlich aktiv und veröffentlichte weiter zu koptischer Literatur, Gnosis und frühchristlicher Theologie.
Alexander Böhlig steht exemplarisch für eine philologisch fundierte, historisch orientierte Erforschung des Christlichen Orients, die den Dialog zwischen orientalischen Quellen, europäischer Wissenschaftstradition und internationaler Zusammenarbeit suchte. Sein wissenschaftliches Erbe wirkt bis heute in der Koptologie, der Kirchengeschichte und der Wissenschaft vom Christlichen Orient fort.
Die Alexander-Böhlig-Gedächtnisvorlesung ist eine regelmäßig stattfindende wissenschaftliche Vortragsveranstaltung, die dem Andenken des Koptologen und Theologen Alexander Böhlig gewidmet ist. Sie hat das Ziel, zentrale Themen der Erforschung des Christlichen Orients in ihrer historischen, theologischen und kulturellen Breite öffentlich zur Diskussion zu stellen und zugleich das wissenschaftliche Erbe Alexander Böhligs lebendig zu halten.
Im Mittelpunkt der Gedächtnisvorlesung stehen Fragestellungen zur Geschichte des orientalischen Christentums, zu seinen Sprachen und Literaturen, zur frühen Kirche, zur Gnosis sowie zu den vielfältigen Begegnungen zwischen Christentum, Judentum und Islam im östlichen Mittelmeerraum. Die eingeladenen Referentinnen und Referenten sind ausgewiesene Fachvertreterinnen und Fachvertreter aus Theologie, Kirchengeschichte, Religionswissenschaft und Orientalistik. Die Vorlesung richtet sich dabei bewusst nicht nur an ein spezialisiertes Fachpublikum, sondern auch an Studierende und eine historisch und theologisch interessierte Öffentlichkeit.
Die Alexander-Böhlig-Gedächtnisvorlesung wird ermöglicht durch die Gertrud-und-Alexander-Böhlig-Stiftung. Die Stiftung wurde von Gertrud Böhlig testamentarisch im Gedenken an und in Fortsetzung des Lebenswerkes des Ehepaares 1999 errichtet und verfolgt das Ziel, wissenschaftliche Forschung und akademischen Austausch auf dem Gebiet des Christlichen Orients nachhaltig zu fördern.
Die Stiftung unterstützt insbesondere Projekte, Veranstaltungen und Initiativen, die sich der historisch-kritischen Erforschung orientalisch-christlicher Traditionen widmen und den internationalen Dialog zwischen den beteiligten Disziplinen stärken. Die Gedächtnisvorlesung ist Ausdruck dieses Stiftungsanliegens: Sie verbindet wissenschaftliche Exzellenz mit öffentlicher Vermittlung und macht Forschung zum Christlichen Orient über den engeren akademischen Raum hinaus sichtbar.
Die Alexander-Böhlig-Gedächtnisvorlesung steht damit für eine wissenschaftliche Haltung, die philologische Genauigkeit, historische Tiefe und internationale Offenheit miteinander verbindet – ganz im Geist ihres Namensgebers.
Am Donnerstag, 29. Januar 2026, fand im stilvollen Rahmen des Holzersaals der Sommerresidenz die Alexander-Böhlig-Gedächtnisvorlesung im Wintersemester 2025/26 statt. Als Referent konnte Dr. Georg Röwekamp gewonnen werden, der unter dem Titel „Christen in der Region Gaza: Eine vergessene Geschichte“ einen eindrucksvollen, zugleich wissenschaftlich fundierten und zutiefst bewegenden Vortrag hielt.
Nicht erst seit dem entsetzlichen Massaker vom 7. Oktober 2023 ist „Gaza“ für viele Menschen zum Synonym für islamistischen Terror und Krieg geworden. Röwekamp setzte diesem verkürzten Bild eine differenzierte historische Perspektive entgegen: Gaza und sein Umland seien über Jahrhunderte hinweg ein vielfältiger Kulturraum gewesen, in dem das Christentum nachhaltige Spuren hinterlassen habe. Zeitweise habe die Region als bedeutendes Zentrum des Mönchtums, der Theologie und der Gelehrsamkeit gegolten. Auf der Basis zahlreicher Quellentexte aus unterschiedlichen Epochen der Kirchengeschichte rekonstruierte der Referent die christliche Geschichte Gazas von der Spätantike bis in die Gegenwart. Besonders eindrücklich schilderte er die archäologischen Zeugnisse, die bis vor dem 7. Oktober 2023 noch sichtbar waren – Kirchen, Klosterreste und Kulturlandschaften, die von einer rund 2000-jährigen christlichen Präsenz künden. Diese Darstellungen verband Röwekamp mit der Hoffnung, dass nicht nur die heute unter extrem widrigen humanitären Bedingungen lebenden Christinnen und Christen in Gaza den aktuellen Krieg überleben mögen, sondern auch die materiellen Zeugnisse ihrer Geschichte.
Der Vortrag stieß auf großes Interesse: Zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer füllten den Holzersaal, während viele weitere Teilnehmende die Möglichkeit der Online-Zuschaltung nutzten. In der lebhaften Diskussion im Anschluss wurden sowohl historische Detailfragen als auch aktuelle politische und humanitäre Aspekte vertieft. Auch beim anschließenden Stehempfang setzten sich die Gespräche intensiv fort.
Georg Röwekamp (*1959 in Duisburg) studierte katholische Theologie mit Schwerpunkt Alte Kirchengeschichte in Bonn, Jerusalem (Dormitio-Abtei) und Bochum. Nach Stationen im kirchlichen Dienst war er unter anderem als Reiseleiter, Schriftsteller und wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. 2004 wurde er an der Universität Paderborn mit einer Arbeit zum Origenes-Streit promoviert. Von 1998 bis 2016 leitete er den Ökumenischen Arbeitskreis für Biblische Reisen, später war er Geschäftsführer der Biblische Reisen GmbH in Stuttgart, bevor er von 2016 bis 2020 als Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Jerusalem wirkte. Zuletzt leitete er von 2020 bis 2025 das Pilgerhaus des DVHL in Tabgha am See Genezareth. Seine zahlreichen Publikationen machen ihn zu einem ausgewiesenen Experten für das Christentum im Heiligen Land.
Die Veranstaltung wurde großzügig von der Gertrud-und-Alexander-Böhlig-Stiftung gefördert und setzte ein starkes Zeichen dafür, wie notwendig historisch fundierte Perspektiven gerade bei hochaktuellen und emotional aufgeladenen Themen sind.
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Text: Joachim Braun
Fotos: Yuliia Kolodchyn