Herr Paulo, wenn wir über Künstliche Intelligenz diskutieren, geht es meist um Leistungsfähigkeit, Anwendungen oder Risiken. Sie richten den Blick auf etwas anderes: auf die Sprache, mit der wir über KI sprechen. Warum lohnt sich dieser Perspektivwechsel?
Norbert Paulo: Wenn wir ehrlich sind, haben wir das Problem, dass die meisten von uns KI nicht verstehen. Auf der technischen und mathematischen Ebene ist uns nicht klar, wie sie funktioniert. Wir sind also darauf angewiesen, uns dem Phänomen auf andere Weise anzunähern. Leider kann man KI auch nicht sehen. Wir können uns daher kein Bild von ihr machen. Daher nutzen wir andere kulturelle Techniken des Verstehens, beispielsweise Metaphern, Romane oder Filme. In Ingolstadt greifen wir deshalb auf Frankenstein zurück. Da wir die Technik jedoch nur sehr begrenzt verstehen, sind wir auch anfällig für die Narrative der KI-Industrie.
Was sind denn aktuell die häufigsten Metaphern und Narrative, wenn über KI gesprochen wird? Und was sagen Sie über unseren Blick auf die KI aus?
Ein prägnantes Beispiel ist die Rede von der KI als „Black Box“. Damit ist gemeint, dass es prinzipiell unergründlich ist, wie die KI arbeitet. Die KI-Unternehmen erreichen damit, dass KI-Systeme uns geheimnisvoll erscheinen, wodurch wiederum der Eindruck entsteht, die Technologie sei außergewöhnlich und übermenschlich. Jedenfalls schirmt die Rede von der KI als „Black Box“ Kritik sehr effektiv ab. In Wahrheit wissen Entwickler sehr viel über Trainingsdaten, Modellarchitekturen, Optimierungsverfahren und die Einsatzbedingungen von KI-Systemen. Die Behauptung, niemand könne verstehen, wie KI funktioniert, verschleiert die Tatsache, dass die Unternehmen und ihre Entwickler sehr wohl über die Funktionsweise von KI Bescheid wissen. Den Unternehmen dürfte es aber lieber sein, unter Verweis auf die „Black Box” Informationen zurückzuhalten.