Prozessorientierte Soziologie: Kommentierte Lehrveranstaltungen Prof. Dr. Schmidt

Einführung in die Soziologie der Situationen und Orte

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In der Soziologie konzeptualisieren verschiedene empirische und theoretische Zugänge die soziale Situation als einen eigenständigen sozialen Wirklichkeitsbereich. Konstitutiv für soziale Situationen sind zum einen die – face-to-face oder medial vermittelte – gegenseitige Reaktionspräsenz der Situationsteilnehmer und ein gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus, zum anderen die Orte, Treffpunkte und Schauplätze, an denen situatives Geschehen sich ereignet. Dabei kann es sich um natural areas (Robert E. Park) und Straßenecken (W.F. Whyte) aber auch um non-places (Marc Augé) oder informationstechnisch erweiterte, multi- und translokale synthetische Interaktionsräume (Karin Knorr-Cetina) handeln. Soziale Situationen sind also durch je besondere Ortsbezüge, raum-zeitliche Ausdehnungen und Mediatisierungen sowie durch Verkettungen mit anderen Situationen gekennzeichnet. Im Seminar soll diesen Zusammenhängen zwischen Situationen, Orten, Ereignissen und Prozessen anhand klassischer und aktueller Studien nachgegangen werden.

Online-Teilnehmer*innenvideo-Analyse und Vernacular Video Practices

88-149-SOZ105-S-SE-0914.20211.001

Verfahren der Analyse audiovisueller qualitativer Daten haben in der Qualitativen empirischen Sozialforschung in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die als Lehrforschungsprojekt angelegte Veranstaltung erarbeitet Analysen von Online-Teilnehmer*innenvideos im Kontext der Auseinandersetzungen um die mit der Corona-Pandemie verknüpften Regeln und Maßnahmen. Im Lehrforschungsprojekt werden das interpretative Verfahren der Analyse von Online-Teilnehmer-Videos und seine ethnografischen, ethnomethodologischen und videographischen Grundlagen vermittelt. Dabei werden Grundkenntnisse der qualitativen und interpretativen Methodologien und Methoden vorausgesetzt. Die einzelnen Verfahrensschritte (Grobsequenzierung, theoretisches Sampling, Transkription, Partiturschreibweise, Feinanalyse etc.) werden in Datensitzungen gemeinsam eingeübt. Die Studierenden arbeiten im Rahmen eines Forschungsberichtes eine eigene Fallstudie aus.

Situationalität, Lokalität und Strittigkeit des Sozialen

88-149-SOZ103-S-SE-0914.20211.001

Im Kontext zunehmender globaler Interdependenzen und grenzenlos gewordener medialer Kommunikation gewinnen Orte und Prozesse der (Neu-)Verortung sozial, kulturell und nicht zuletzt politisch an Brisanz. Ausgehend von dieser gegenwärtigen Erfahrung erkundet die als Lektürekurs konzipierte Lehrveranstaltung zunächst, wie praxistheoretische Vokabulare location als grundlegenden Aspekt jeglicher Praxis in den Blick nehmen. Mit diesen Ansätzen lassen sich Prozesse des Verortens – also des Hervorbringens, Entwerfens, Einübens, Reklamierens, Transformierens und Destruierens von Lokalitäten und Lokalisierungen, Positionen, Situierungen, (Schau-)Plätzen, Schlüsselstellungen, (Be-)Gründungen, Fundierungen, Abgründen, Hochburgen, Kern- und Fluchtpunkten, Sehnsuchtsorten, Aufmerksamkeitszentren, Konfliktarenen, Hotspots, Dichteregionen, Kampfzonen etc. pp. – als ein fortlaufendes materielles, körperliches, symbolisches, kognitives, affektives, imaginatives und konfliktives practicing place denken und entschlüsseln. Im zweiten Teil der Veranstaltung werden dann unter den Gesichtspunkten „Heimat“, „Versammlung“, „Öffentlichkeit“ und „Grenze“ vier brisante und umkämpfte politische Verortungsprozesse und -praktiken kritisch betrachtet. Dabei ist die Idee leitend, dass alle vier Verortungsphänomene in je besonderer Weise auf die grundlegende Strittigkeit des Sozialen verweisen.