250 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeit stehen die USA vor grundlegenden Fragen nach dem Zustand ihrer Demokratie. Der Eichstätter Amerikanist Prof. Dr. Jens Temmen ordnet die Entwicklung unter Donald Trump als Ausdruck einer tiefen politischen Krise ein, die weit über eine einzelne Präsidentschaft hinausreicht. Welche historischen Linien, autoritären Tendenzen und transnationalen Verflechtungen dabei sichtbar werden, ist Thema der Veranstaltung „Die autoritären Staaten von Amerika?“ am 1. Juli an der KU.
Wenn die Vereinigten Staaten in diesen Tagen ihren 250. Geburtstag feiern, fällt dieses Jubiläum in eine Zeit tiefgreifender politischer Verunsicherung. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Jens Temmen, Inhaber des Lehrstuhls für Amerikanistik an der KU, zeigt sich in der Trump-Regierung ein offener Versuch, autoritär zu regieren – also an Rechtsnormen vorbei und teilweise auch gegen den Willen der Bevölkerung. Dahinter stehe das Bestreben, das politische System so umzubauen, dass sich an bestehenden Institutionen vorbei oder notfalls ganz ohne sie regieren lasse.
Für Temmen ist diese Entwicklung jedoch nicht nur als Bruch zu verstehen. Wer die aktuelle Krise einordnen wolle, müsse sie in längere historische Linien einbetten. Trump erscheine in dieser Perspektive nicht allein als Auslöser, sondern auch als Ausdruck von Kontinuitäten, die die Geschichte der USA seit Langem prägten. Dazu zählten etwa struktureller Rassismus und christlicher Nationalismus. Gerade deshalb greife es zu kurz, die gegenwärtige Lage ausschließlich mit einer einzelnen Präsidentschaft zu erklären. Vielmehr verdichteten sich in ihr ältere Konfliktlinien ebenso wie neue politische Dynamiken.
Prof. Dr. Jens Temmen
Daran knüpft für Jens Temmen auch eine grundlegendere Beobachtung an: Das verbreitete Bild der Vereinigten Staaten als demokratisches Vorbild sei historisch zu einfach, so der Kultur- und Literaturwissenschaftler. „Die USA als lupenreine Demokratie – das lässt sich für die gesamte Geschichte eben so nicht unterschreiben“, sagt Temmen. Gerade in Deutschland sei die Vorstellung eines demokratischen Musterlands stark von der Nachkriegsordnung geprägt. Gemeint sei damit die Rolle der USA als Schutzmacht und transatlantischer Partner nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Um die aktuelle politische Entwicklung zu verstehen, brauche es „eine breitere historische Brille“, so Temmen. Die gegenwärtige Krise berühre nicht nur die Tagespolitik, sondern grundlegende Fragen nach dem Selbstverständnis der amerikanischen Demokratie. Zugespitzt zeige sich das in der Frage: „Sehen wir gerade das Ende der amerikanischen Demokratie? Ist das, was in den USA passiert, außergewöhnlich oder die Logik oder das logische Ende eines längeren Prozesses?“ Die Schärfe der aktuellen Auseinandersetzung liege gerade darin, dass sie offenlasse, wie belastbar die demokratischen Institutionen des Landes noch sind.
Zugleich sieht Temmen die Entwicklung in den USA nicht isoliert. Vielmehr stehe die politische Krise dort in einem engen Zusammenhang mit einem internationalen Rechtsruck. Die MAGA-Bewegung und rechte Akteure in Europa seien in transnationalen Netzwerken verbunden, tauschten sich aus und schauten voneinander ab. Was derzeit in den USA noch mit einer gewissen Distanz beobachtet werde, könne deshalb schnell auch zur politischen Realität in Europa werden.
Der 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli ist für die Vereinigten Staaten ein historisches Jubiläum von besonderer symbolischer Bedeutung. Es ist damit nicht nur Anlass, auf die Gründungsgeschichte des Landes zurückzublicken, sondern auch, grundlegende Fragen nach Demokratie, Autoritarismus und historischen Kontinuitäten neu zu stellen. Diesen Fragen widmete sich die Veranstaltung „Die autoritären Staaten von Amerika? 250 Jahre USA und die Trump-Präsidentschaft“. Gäste auf dem Podium waren Annika Brockschmidt und Simon Strick. Die Journalistin, Autorin und Podcasterin Annika Brockschmidt gilt als profunde Kennerin der religiösen Rechten und des christlichen Nationalismus in den USA, mit denen sie sich in ihrer journalistischen Arbeit, in Podcasts und in mehreren Büchern intensiv auseinandersetzt. Simon Strick ist Kultur- und Medienwissenschaftler und forscht unter anderem zu rechten Affektpolitiken, digitalem Faschismus sowie zu Rassismus und Geschlecht in gegenwärtigen Medienkulturen.