Was geschieht, wenn Menschen etwas erschaffen, das sie nicht mehr vollständig verstehen und kontrollieren können? Diese Frage durchzieht die aktuellen Debatten über Künstliche Intelligenz. In Ingolstadt wird sie nun aus einer Perspektive verhandelt, die im doppelten Sinne naheliegt: im Horizont von Mary Shelleys „Frankenstein“ und dessen Bezügen zum Tagungsort. Am 22. und 23. Oktober lädt die KU gemeinsam mit dem Deutschen Medizinhistorischen Museum zur ersten „FrankenstAIn“-Konferenz ein.
Schon im Titel steckt das Programm. „FrankenstAIn“ verbindet Frankenstein mit AI, also Artificial Intelligence. Die Tagung will literarische, philosophische und technologische Perspektiven zusammenführen. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Fragen nach Verantwortung, Kontrollverlust, Menschenbild und gesellschaftlichen Folgen neuer Technologien. „Leider trifft die Analogie zwischen Frankenstein-Geschichte und KI-Entwicklung immer wieder zu“, sagt Prof. Dr. Norbert Paulo, Inhaber der Stiftungsprofessur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung an der KU und Hauptorganisator der Konferenz. Für Paulo liegt die Aktualität des Romans nicht in einem einfachen Warnbild vor entfesselter Technik. Interessant sei vielmehr, dass Mary Shelley die Verantwortung des Schöpfers ins Zentrum rücke. „Das Problem liegt bei den Menschen, die die KI-Modelle erschaffen“, sagt Paulo. Gerade deshalb müsse KI-Ethik über die Abschätzung von Folgen hinausgehen. „Wir müssen auch fragen, welche Ziele, Werte und Vorstellungen vom Menschen in diese Systeme eingeschrieben werden.“
Prof. Dr. Norbert Paulo
Ingolstadt als Tagungsort ist mehr als nur eine reizvolle Kulisse. Mary Shelley lässt Victor Frankenstein hier studieren, und genau diese Verbindung von Ort, Wissenschaftsgeschichte und Literatur macht die Konferenz besonders. „Ingolstadt ist für diese Tagung nicht nur Schauplatz, sondern ein Denkraum“, sagt Paulo. „Der Ort erinnert daran, dass technischer Fortschritt und die Frage nach Verantwortung von Anfang an zusammengehören.“ Getagt wird in den historischen Gebäuden der Universität Ingolstadt, der Hohen Schule und dem Georgianum, in denen Frankenstein studiert hätte. Damit rückt die Konferenz die philosophischen Fragen der Gegenwart in ein Umfeld, das mit einer der bekanntesten Geschichten über menschliche Schöpfungsmacht verbunden ist.
Inhaltlich geht es nicht allein um literarische Symbolik, sondern um hochaktuelle Konflikte. So kreisen Beiträge um die Frage, wer Verantwortung trägt, wenn KI-Systeme Schaden anrichten oder sich menschlicher Kontrolle teilweise entziehen – entsprechende Vorfälle von KI-Systemen, die sich selbstständig machen, wurden zuletzt mehrfach publik. Andere Vorträge befassen sich mit der Rolle von KI in der Rechtsprechung und fragen, ob maschinelle Systeme jemals menschliches Urteilen ersetzen können oder ob Recht untrennbar an Interpretation, Begründung und soziale Normen gebunden bleibt. Wieder andere Beiträge der Konferenz nehmen in den Blick, wie sehr schon unsere Sprache die Debatte prägt: Wenn von „künstlicher Intelligenz“, autonomen Systemen oder gar „denkenden“ Maschinen die Rede ist, erzeugen Begriffe und Metaphern Erwartungen und Ängste, die den öffentlichen Umgang mit der Technologie wesentlich mitbestimmen.
Auch die sozialen Folgen der KI spielen eine Rolle: Ein Beitrag widmet sich der Frage, wie Menschen Beziehungen zu KI-Systemen entwickeln, etwa zu Chatbots oder Companion AIs, und ob solche Verhältnisse als bloßer Ersatz sozialer Nähe zu verstehen sind oder neue Formen des Umgangs mit Technik hervorbringen. Auch wird diskutiert, wie Nutzerinnen und Nutzer in KI-gestützten Entscheidungssituationen daran erinnert werden können, dass Verantwortung nicht an ein System delegiert werden kann, auch wenn dieses Vorschläge macht oder Urteile vorbereitet. Die Tagung fragt außerdem danach, was von traditionellen Vorstellungen des Menschlichen bleibt, wenn Maschinen Fähigkeiten übernehmen, die lange als Ausdruck von Vernunft, Urteilskraft oder Kreativität galten.
„Wir feiern oder kritisieren die jeweils neuesten Modelle und deren Fähigkeiten, aber wir fragen uns nicht genug, welche Art von KI mit welchen Fähigkeiten wir als Menschen eigentlich wollen“, sagt Norbert Paulo. Darin sieht er ein zentrales Defizit des gegenwärtigen Diskurses. Die Konferenz wolle deshalb Raum schaffen für eine Debatte, die über technische Machbarkeit hinausgeht. „Wenn man Frankenstein heute liest, dann nicht als Schauergeschichte über ein Monster, sondern als Geschichte über Verantwortungslücken. Genau das macht den Text für die KI-Ethik so produktiv.“
Die FrankenstAIn-Konferenz bringt Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, darunter Philosophie, Technikethik, Rechtsphilosophie, Kulturwissenschaft und Science and Technology Studies. Ergänzt wird das wissenschaftliche Programm durch Formate, die die öffentliche Dimension des Themas bewusst aufgreifen, darunter ein Workshop zu KI-Narrativen und Metaphern sowie die Verleihung eines Essaypreises für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Auch ein Besuch im Medizinhistorischen Museum in der Alten Anatomie und eine Stadtführung stehen auf dem Programm.