Im Oktober blickt der Beitrag der gemeinsamen Reihe "Ikone des Monats" der Platform Oosters Christendom und des Eastern Christian Studies Online Campus auf eine besondere Marienikone vom Berg Athos.
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Es ist ein trüber Spätsommertag. Dichte Wolken verhüllen den Gipfel des Berges Athos, immer wieder ziehen Nebelschwaden über seine steilen Flanken. Ich befinde mich an einem der außergewöhnlichsten Orte der christlichen Welt. Die Athoshalbinsel, der östlichste der drei Finger der Chalkidiki im Norden Griechenlands, reicht rund 50 Kilometer weit in die Ägäis hinein. An ihrem südlichen Ende ragt der über 2.000 Meter hohe Berg beinahe unmittelbar aus dem Meer. Seit mehr als einem Jahrtausend ist diese abgeschiedene Landschaft eines der bedeutendsten Zentren des orthodoxen Mönchtums. Zwischen bewaldeten Hängen, schroffen Felsen und dem tiefblauen Meer erheben sich Klosteranlagen, deren Mauern und Kirchen von einer mehr als tausendjährigen Geschichte erzählen. Zwanzig große Klöster und zahlreiche kleinere Niederlassungen, sogenannte Skiten und Kellien, beherbergen hier Mönche unterschiedlicher Nationalitäten. Gemeinsam bilden sie eine weitgehend autonome Mönchsrepublik innerhalb des griechischen Staates.
Die rumänische Prodromos-Skiti auf dem Berg Athos
Ich besuche die rumänische Prodromos-Skiti, eine Mönchsgemeinschaft im Südosten der Halbinsel, unweit der Großen Lavra, des ältesten der zwanzig Athosklöster. Mit ihren hellen Mauern, Türmen und weitläufigen Gebäudetrakten wirkt die Anlage beinahe wie eine kleine Festung. Zum ersten Mal betrete ich das Katholikon, die Hauptkirche der Skiti. Im Inneren empfängt mich die farbenprächtige Bilderwelt der orthodoxen Tradition. Biblische Szenen, Heilige und Darstellungen aus der Kirchengeschichte bedecken Wände und Gewölbe. Im Narthex, dem Vorraum der Kirche, fällt mir jedoch ein Fresko auf, das sich deutlich von den übrigen Malereien unterscheidet. Zunächst ist es kaum zu erkennen. Ein Tisch und allerlei abgestelltes Gerümpel versperren mir die Sicht. Erst nachdem ich einiges vorsichtig zur Seite geräumt habe, kann ich das Bild genauer betrachten. Vor mir entfaltet sich folgende Szenerie: Eine ausgedehnte Gebirgslandschaft, durchzogen von Kirchen, Klöstern und mächtigen Türmen. Darüber erscheint die Gottesmutter mit dem Christuskind. Von ihr gehen zahlreiche Strahlen aus, die sich über die Landschaft verteilen und die einzelnen Klosteranlagen erreichen. Was ich hier vor Augen habe, ist weit mehr als eine Ansicht des Athos. Die Wandmalerei verleiht einer zentralen Überzeugung seiner Bewohner sichtbare Gestalt: Der Heilige Berg steht unter dem besonderen Schutz der Gottesmutter.
Eine Landkarte, die mehr als Geographie zeigt
Auf den ersten Blick erinnert das Fresko an eine historische Landkarte. Die einzelnen Klöster sind als charakteristische Gebäudegruppen wiedergegeben und durch Beschriftungen kenntlich gemacht. Der Maler wollte jedoch keine topographisch exakte Darstellung schaffen. Größenverhältnisse, Entfernungen und Perspektiven ordnen sich einer anderen Absicht unter: Die gesamte Athoshalbinsel soll in einem einzigen Bild erfahrbar werden. So entsteht eine Art geistliche Kartographie. Die einzelnen Niederlassungen erscheinen nicht als voneinander isolierte Orte, sondern als Teile einer größeren Gemeinschaft. Was sie zusammenhält, wird durch die Strahlen sichtbar, die von der Gottesmutter ausgehen und den Berg durchziehen. Die Wandmalerei zeigt somit nicht einfach, wie der Athos aussieht, sondern wie er von seinen Bewohnern verstanden wird. Seine Landschaft wird zum Ausdruck einer geistlichen Wirklichkeit. Woher aber stammt die Vorstellung, dass der Athos in besonderer Weise Maria gehört?
Der Garten der Gottesmutter
Einer alten athonitischen Überlieferung zufolge befand sich die Gottesmutter gemeinsam mit dem Apostel Johannes auf einer Seereise, als ihr Schiff durch einen Sturm an die Küste des Athos verschlagen wurde. Von der Schönheit des Ortes ergriffen, bat Maria ihren Sohn, ihr diese Landschaft als besonderes Eigentum anzuvertrauen. Christus erhörte ihre Bitte und bestimmte den Berg zu ihrem Garten. Historisch lässt sich diese Erzählung nicht verstehen. Als fromme Überlieferung besitzt sie jedoch eine kaum zu überschätzende Bedeutung für das Selbstverständnis der Mönchsrepublik. Bis heute wird der Athos im Griechischen als Perivóli tis Panagías, als „Garten der Allheiligen“, bezeichnet. Maria gilt hier als geistliche Herrin, Beschützerin und Fürsprecherin der Mönche. Diese besondere Beziehung prägt die Liturgie ebenso wie die Ikonographie. Kaum ein Kloster, das nicht eine besonders verehrte Marienikone besitzt. Viele dieser Bilder sind mit Erzählungen von wunderbaren Rettungen, Heilungen oder anderen Zeichen göttlicher Hilfe verbunden. Die Wandmalerei der Prodromos-Skiti verdichtet diese vielfältigen Traditionen zu einer einzigen Komposition. Die Gottesmutter erscheint über dem Berg, dessen Klöster und Bewohner ihr anvertraut sind. Dabei ist die Stellung Mariens theologisch nicht von Christus zu lösen: Sie trägt das Christuskind und verweist damit auf denjenigen, von dem nach christlichem Verständnis alles Heil ausgeht. Ihre Fürsprache und ihr Schutz sind Ausdruck ihrer besonderen Nähe zu ihm.
Katholikon der Prodromos-Skiti
Ein Fresko aus dem 19. Jahrhundert
Auch die Entstehungsgeschichte der Wandmalerei verdient Beachtung. Die Präsenz rumänischer Einsiedler auf dem Athos reicht bis ins Mittelalter zurück, doch die heutige Prodromos-Skiti entstand im Wesentlichen erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Mönche Nifon Ionescu und Nectarie, die den Ausbau der Klosteranlage seit den 1850er-Jahren vorantrieben. Unterstützt wurden sie von Gläubigen und Förderern aus den rumänischen Fürstentümern. Im März 1857 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt, deren feierliche Weihe am 21. Mai 1866 stattfand. Die Ausmalung des Gotteshauses erfolgte zwischen 1864 und 1866 durch Maler aus dem rumänischen Buzău. Als verantwortlicher Meister wird Dimitrie Teodorescu genannt, der für die Arbeiten nach den überlieferten Angaben 1.000 Goldmünzen erhielt. Die Fresken entstanden somit in einer Zeit, in der sich die rumänische Mönchsgemeinschaft auf dem Athos institutionell festigte und ihre neue geistliche Heimat auch künstlerisch ausgestaltete. In diesen Zusammenhang gehört unsere Wandmalerei aus dem Jahr 1866. Sie fügt sich in das umfassende Bildprogramm der Kirche ein, besitzt jedoch zugleich eine besondere Aussagekraft. Während zahlreiche andere Fresken biblische Ereignisse oder einzelne Heilige darstellen, richtet sie den Blick auf den Athos selbst.
Mit goldenen Strahlenketten verbunden
Knapp neunzig Jahre nach der Entstehung des Freskos bereiste der deutsche Schriftsteller Erhart Kästner (1904–1974) den Heiligen Berg. Seine Eindrücke hielt er in dem 1956 erschienenen Buch Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos fest. Der Titel verweist auf das Semantron, jenes hölzerne Schlagbrett, mit dem die Mönche traditionell zum Gottesdienst gerufen werden. Kästner begegnete auf dem Athos einer Welt, deren Lebensrhythmus und geistige Ordnung sich von den Selbstverständlichkeiten der modernen Gesellschaft unterschieden. Besonders beeindruckte ihn die Bedeutung religiöser Bilder. Für ihn erschloss sich in ihnen eine Wirklichkeit, die über das unmittelbar Sichtbare hinausreichte. An einer Stelle seines Buches formuliert er einen Gedanken, der beinahe wie ein Kommentar zu unserer Wandmalerei klingt: „Am Bild, am Gleichnis hängt alles mit goldenen Strahlenketten zusammen.“ Was Kästner hier in poetischer Sprache beschreibt, hat der Maler der Prodromos-Skiti gleichsam wörtlich ins Bild gesetzt. Goldene Strahlen verbinden die Gottesmutter mit den über den Berg verstreuten Klöstern. Sie überbrücken die räumliche Entfernung und machen eine Verbundenheit sichtbar, die sich nicht allein aus der Geographie erklären lässt. Kästners Worte eröffnen zugleich einen Zugang zum Wesen religiöser Bildkunst. Eine Ikone will nicht bloß eine sichtbare Wirklichkeit abbilden. Sie verweist auf Zusammenhänge, die dem gewöhnlichen Auge verborgen bleiben. Das Sichtbare wird zum Träger einer Aussage über das Unsichtbare. Gerade deshalb ist das Fresko so viel mehr als eine dekorative Ansicht des Heiligen Berges. Es zeigt nicht nur Klöster, Kirchen und Landschaften, sondern deutet ihre geistliche Bedeutung. Der Athos wird als ein Raum dargestellt, in dem Geschichte, Gebet und Heiligkeit miteinander verbunden sind.
Mönche der Prodromos-Skiti bei der Ganz-Nacht-Vigil
Eine Landschaft des Glaubens
Als ich an jenem herbstlichen Regentag vor der Wandmalerei stehe, fasziniert mich besonders dieser ungewöhnliche Blick auf den Heiligen Berg. Das Fresko versucht, den Athos in seiner Gesamtheit zu erfassen. Dabei erzählt es von einer Vorstellung, die das Leben der Mönche seit Jahrhunderten prägt: Ihr Berg ist nicht einfach ein abgelegener Ort, an dem Menschen fernab der Welt leben. Er ist ein Raum des Gebets, dessen Bewohner sich einer gemeinsamen geistlichen Tradition verpflichtet wissen. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft dieser Darstellung. Sie verwandelt eine geographische Landschaft in ein Bild des Glaubens. Was auf einer gewöhnlichen Landkarte durch Wege und Entfernungen voneinander getrennt erscheint, wird hier durch die Gegenwart der Gottesmutter zusammengeführt. Draußen liegt der Berg noch immer unter dichten Wolken. Im Narthex der Prodromos-Skiti aber eröffnet sich ein anderer Blick auf die Landschaft voller Klöster, über denen die Gottesmutter wacht. Der Athos ist ihr Garten – nicht allein, weil eine alte Überlieferung ihn so nennt, sondern weil Generationen von Mönchen diesen Glauben im Gebet, in ihrer Lebensweise und in Bildern wie diesem zum Ausdruck gebracht haben.
Text: Joachim Braun – Scientific Coordinator & Manager des Eastern Christian Studies Online Campus