Krisenerzählungen

Doppelpanel „Krisenerzählungen der Gegenwart“ mit Prof. Dr. Chiara Conterno (Università Bologna) zur 3. ZRKG-Tagung „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Krisendiskurse in der Spannung von Öffnung und Abwehr“ 1. bis 3. Juni 2026 in Eichstätt

Die omnipräsenten Krisenszenarien des 21. Jahrhunderts zeigen sich zum einen in zahlreichen literarischen Erzählungen, die sich damit befassen. Seit der Jahrtausendwende sei eine „bemerkenswerte Profileration neuer Krisen, Krisennarrative und Krisenszenarien in der zeitgenössischen Medienkultur zu beobachten“ (2020, 241), konstatiert Ansgar Nünning. Zum anderen folgen auch nicht-literarische Krisenerzählungen literarisch vorgeprägten Mustern.

So stammt die Metapher der Krise ursprünglich aus der Medizin, weshalb Krisen als Krankengeschichten erzählt werden. Dabei werden bestimmte Handlungsrollen – wie Experten oder Laien – und Verlaufsmuster – wie Verschlimmerung bis zum Tod oder Verbesserung bis zur Genesung – aufgerufen. Krisendiskurse liefern jeweils eine Diagnose und Erklärungen zu einem Ereignis sowie entsprechende affektive Konnotationen. Letztere sind meist negativ: Angst, Sorge, Unsicherheit und Unruhe schwingen bei Krisennarrativen stets mit. Die Krise kann zu einem Moment des Stillstands werden, der von Vergangenheiten heimgesucht, zukunftslos wirkt (Kreuzmair 2018, 167). Allerdings birgt die Krise in Abgrenzung zur Katastrophe auch stets die Möglichkeit der Chance in sich. In einem positiven Sinne tragen Krisennarrative zur Sinnstiftung bei. Sie fungieren als „Medium der Vergangenheitsdeutung und der Generierung von Zukunftsentwürfen“ (Nünning 2020, 259).

Es muss aber auch kritisch bedacht werden, dass der Begriff der Krise, mit dem ein Ereignis bedacht wird, nie neutral, sondern normativ ist: Ein Geschehen wird als Krise interpretiert, worauf Janet Roitman (2014) aufmerksam gemacht hat. Der Krisenbegriff naturalisiert Gemachtes und simplifiziert vergangene Prozesse, manchmal werden dabei politische und ökonomische Aspekte durch die Bildlogik systematisch ausgeblendet.

Literatur thematisiert, inszeniert und problematisiert vorherrschende Krisenmodelle. Dies tut sie häufig anhand figuraler Einzelschicksale, die aber einen kollektiven Charakter implizieren, um Anknüpfungs- und Identifikationsmöglichkeiten zu bieten, wie Rebecca Kaewert gezeigt hat (2021, 44). Zudem kann sie durch ihr ästhetisches Potential und die performative Kraft des Erzählens Krisenszenarien und Wissen über Krisenmanagement formen. Sie fungiert als Laboratorium für Zukunftsentwürfe, indem sie dazu beiträgt, den Horizont des Denkbaren und der Handlungsmöglichkeiten zu vergrößern. Literarische Krisenszenarien befördern die Entwicklung neuer Möglichkeiten und Ideen sowie zentrale affektive und kognitive Fähigkeiten wie Empathie und Perspektivenwechsel, die für eine Krisenbewältigung wichtig sind.

Das Panel befasst sich mit narrativen Formen, metaphorischen Implikationen und Funktionen von Krisenerzählungen in der Gegenwart – mit gelegentlichen literaturhistorischen Rückblicken. Es fragt danach, welche Deutungsmuster sie bereitstellen; was für Zeitmodelle sie entwerfen und auf welche emotionalen Reaktionen sie abzielen. Welche vergangenen oder aktuellen politischen Entscheidungen legitimieren sie? Welche Möglichkeiten für eine krisenfeste Zukunft eröffnen sie? Anhand ausgewählter literarischer Texte der Gegenwartsliteratur, wie Lucy Frickes Takeshis Haut (2014), Jonas Lüschers Kraft (2017), Sibylle Bergs GRM (2019), Juli Zehs Über Menschen (2021), Esther Kinskys Rombo (2022)oder Thomas Hettches Sinkende Sterne (2023), und literaturwissenschaftlichen sowie anthropologischen Krisentheorien von Ansgar und Vera Nünning, Rebecca Kaewert sowie Janet Roitman wird das Panel die Setzungen und Möglichkeitsräume der Krisendiskurse ausloten.

Mit Beiträgen von:

  1. Prof. Dr. Chiara Conterno (ZRKG) (Universität Bologna): „Lebens- und Umweltkrise in Sinkende Sterne(2023) von Thomas Hettche”
  2. Veronika Born (ZRKG) (KU Eichstätt): „Erschütterungen: Die Erdbeben-Romane Takeshis Haut(2014) von Lucy Fricke und Rombo (2022) von Esther Kinsky“
  3. Hannah Berger (KU Eichstätt): „Dystopische Fiktionen in Literatur und Film als Krisenerzählungen der Gegenwart“
  4. Prof. Dr. Helen Finch (University of Leeds): „Queeres Gedächtnis, Widerstand und Solidarität in der Gegenwartsliteratur“
  5. Dr. Elias Kreuzmair (Universität Siegen): Die Zukunft der Gegenwart II
  6. Prof. Dr. Stephanie Catani (Universität Würzburg): Künstliche Intelligenz als Krisenerzählung der Gegenwart
  7. Prof. Dr. Arianna Di Bella (Università degli Studi diPalermo): Thema noch offen
  8. Prof. Dr. Serena Grazzini (Università di Pisa): “Trotzdem schreiben: zeitgenössische Autor:innen vor der aktuellen Krise im Nahen Osten“


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