Niko Rosales-Rios

Niko Rosales-Rios
Niko Rosales-Rios (47) studiert "Angewandte Musikwissenschaften und Musikpädagogik"

Niko Rosales-Rios ist 47 und studiert im dritten Semester im Bachelor „Angewandte Musikwissenschaft und Musikpädagogik“. Ein Studium war für ihn lange Zeit kein Thema. Zwar hatte Niko sein Abitur in Chile gemacht bevor er 1996 mit 18 nach Deutschland kam, aber dann stand erst einmal die Suche nach einem Ausbildungsplatz im Vordergrund und der Wunsch, eigenes Geld zu verdienen. „Ich wollte selbstständig sein“, sagt Niko bei unserem Gespräch in der Cafeteria. Viele Jahre hat er in seinem Ausbildungsberuf als Kommunikationselektroniker gut verdient und hat sich sein Hobby – die Musik – damit finanziert. Denn Musik war schon immer ein wichtiger Bestandteil von Nikos Leben: „Ich habe durch die Musik so viele Menschen kennengelernt, habe in vielen Bands gespielt und immer Musik gemacht.“ Erst später – Niko lebt mittlerweile in München – leistete er sich eine nebenberufliche Ausbildung bei der Deutschen Popakademie, die er selbst finanzierte und die seinen musikalischen Horizont erweiterte. In der Deutschen Popakademie hat er dann auch einige Jahre im mittleren Management gearbeitet und wollte endlich auch beruflich in der Musikbranche Fuß fassen. Doch nach der Geburt seines ältesten Sohnes 2013 folgte eine sehr schwierige Phase in Nikos Leben mit unzähligen Schicksalsschlägen. Die ersten Schritte in der Branche gerieten ins Stocken. „Ich war lange krank und anschließend habe ich über 200 Bewerbungen an Musikagenturen, Labels, Musikverlage und Veranstaltungsagenturen geschrieben – nur Absagen!“ Einen Grund für die vielen Absagen sah Niko darin, dass er keinen richtigen Abschluss hatte, der ihn für die Arbeit in den ausgeschriebenen Berufen qualifiziert hätte. 2018 machte sich Niko schließlich selbstständig. Der Autodidakt arbeitete als Kirchenmusiker, Chorleiter, gab Musikunterricht – und bewarb sich schließlich als Musiktherapeut und -pädagoge bei Regens Wagner, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Er bekam einen Mini-Job und die Aussicht, in diesem Bereich mehr arbeiten zu können, aber nur mit dem entsprechenden Abschluss. „Ich habe immer Musik gemacht, mir unglaublich viel selbst beigebracht, Musik ist mein Lebenselixier, aber erst durch Regens Wagner bin ich überhaupt auf die Idee gekommen, meine Leidenschaft mit einem Studium zu professionalisieren.“ Niko dachte, als praktischer Mensch passe er nicht in ein Studium. Trotzdem begann er zu recherchieren und stieß auf den Bachelor „Angewandte Musikwissenschaft und Musikpädagogik“ an der KU: „Schon beim ersten Durchlesen der Studieninhalte habe ich gemerkt: Hier kann ich meine Erfahrungen der letzten Jahrzehnte fundiert neu entdecken.“

Aber vor dem Studium warteten noch einige Hürden auf Niko. Sein chilenisches Abitur wird in Bayern nur als Mittlere Reife anerkannt. Sein Zugang zum Studium erfolgte daher über die berufliche Qualifikation, das International Office unterstützte ihn, denn Niko ist bis heute Chilene. Die ersten beiden Semester musste er auf Probe absolvieren – seine Hochschuleignung nachweisen. „Das war sehr stressig“, sagt Niko. Aber er hat es geschafft und fühlt sich von seinen Dozentinnen und Dozenten – allen voran Musikprofessorin Kathrin Schlemmer – unterstützt und motiviert. 

Für Niko war der Weg über die berufliche Qualifikation auch im Hinblick auf die Studienfinanzierung ein Glücksfall. Denn anders als bei Studierenden, die nach dem Abitur mit dem Studium beginnen, gilt für ihn die Altersgrenze für das BAföG nicht. So ist das Studium in Vollzeit, sein Mini-Job bei Regens Wagner, seine Selbstständigkeit, die er weiter betreibt, sowie seine kleine Familie – Niko hat mittlerweile noch eine vierjährige Tochter mit seiner Partnerin Marion – zwar sehr stressig, aber er kann sich das Studium leisten und ist auf dem Weg seine Berufung für die Musik endlich zu seinem Beruf zu machen. 

Seine Bedenken, ein Studium wäre ihm zu theoretisch, sind im Unialltag längst verflogen: „Die Betonung an der KU liegt wirklich auf dem ‚angewandt‘ und das, was wir in der Theorie lernen, wird direkt in die Praxis umgesetzt.“ Niko ist sich sicher, dass ihm sein Studium viele Türen öffnen wird, die ihm bisher verschlossen geblieben sind. Egal ob er sich nach seinem Bachelor für den Master oder den Neu-Einstieg ins Berufsleben entscheidet, endlich kann er sein Können und Wissen nachweisen. Für Niko ist klar: „Es ist nie zu spät, die richtigen Entscheidungen für mein Leben zu treffen. Heute weiß ich, wo ich hinwill, und gehe mein Studium sehr bewusst an.“ Ohne die Unterstützung seiner Partnerin, das sagt er ganz deutlich, wäre das Studium aber nicht möglich. „Wir wollen das beide.“ Das bedeutet, dass sich Niko in den Klausurphasen zum Lernen auch mal einsperren darf und seine Partnerin sich alleine um die kleine Tochter kümmert. 

Am Ende unseres Gespräches in der Cafeteria kommt seine Kommilitonin Johanna Sarmiento-Schwarze zu uns an den Tisch. Die beiden wollen gleich an einem gemeinsamen Studienprojekt weiterarbeiten. Als Johanna hört, worüber wir uns unterhalten, zeigt sie sich begeistert von ihrem „älteren“ Kommilitonen: „Niko kann Sachen so spannend erklären – oft ansprechender als die Dozenten. Wir profitieren total von seiner Erfahrung“. Und für Niko ist der Austausch mit anderen Musikbegeisterten ein wichtiger Grund, warum ihm sein Studium so viel Spaß macht.