Die narrative Konstruktion des frühen Christentums in der Apostelgeschichte
Eine der zentralen und anhaltend kontrovers diskutierten Fragen der Postmoderne betrifft die Identität von Individuen und Gruppen. Dieser Diskurs stellt auch die christlichen Kirchen vor grundlegende Herausforderungen. Angesichts von Macht-, Missbrauchs- und Finanzskandalen sowie der damit einhergehenden massiven Kirchenaustritte gewinnt die Frage nach dem Kern christlicher Identität besondere Dringlichkeit. Eine Rückfrage an das Neue Testament eröffnet hier nicht nur historische, sondern auch hermeneutisch hochproduktive Perspektiven.
Dieser Forschungsbereich setzt genau an diesem Punkt an und zeigt anhand der Apostelgeschichte, wie der Auctor ad Theophilum, gemeinhin Lukas genannt, den Entstehungsprozess des frühen Christentums in der späten römischen Kaiserzeit narrativ gestaltet und dabei eine spezifische kollektive frühchristliche Identität konstruiert. Die Apostelgeschichte erweist sich damit als ein Schlüsseltext für das Verständnis frühchristlicher Selbstverortung zwischen Judentum und griechisch-römischer Welt. Zugleich leisten diese Forschungen einen substantiellen und innovativen Beitrag zur anhaltenden Debatte um das sogenannte Parting(s) of the Ways zwischen Christentum und Judentum sowie zur theologischen Selbstverständigung des Christseins in der Gegenwart. Darüber hinaus eröffnen sie neue Perspektiven für den interreligiösen Dialog.
Koptische Texte aus Nag Hammadi / Neutestamentliche Apokryphen
Ein weiterer Forschungsbereich widmet sich der Analyse koptischer Texte aus der Bibliothek von Nag Hammadi sowie ausgewählter weiterer frühchristlich-gnostischer Schriften, die dem weiteren Umfeld der neutestamentlichen Apokryphen zuzuordnen sind. Die 1945 in Oberägypten nahe Nag Hammadi entdeckten Kodizes stellen einen der bedeutendsten Textfunde zur Erforschung des frühen Christentums dar. Während einzelne Schriften – insbesondere das Thomasevangelium – bereits intensiv erforscht wurden, bestehen für zahlreiche weitere neutestamentliche Apokryphen nach wie vor erhebliche Forschungslücken.
Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es, ausgewählte apokryphe Texte (u. a. Philippusevangelium, Evangelium nach Maria, Sophia Jesu Christi; ergänzend das Judasevangelium aus der Region Al-Minya) als eigenständige Zeugnisse frühchristlicher Diskurse zu analysieren. Im Zentrum stehen Fragestellungen zur frühchristlichen Identitätsbildung, insbesondere im Horizont von Genderdiskursen und Autoritätsmodellen. Dieses Vorhaben trägt damit wesentlich zum Verständnis der Pluralität frühchristlicher Theologien sowie der historischen Prozesse von Kanonisierung bei. Zugleich wird gezeigt, dass die sogenannten frühchristlich-gnostischen Texte nicht primär als „häretische“ Randphänomene, sondern als integrale Bestandteile frühchristlicher Religionsgeschichte zu verstehen sind.