Inwiefern lässt sich aus der Geschichte lernen? Können historische Ereignisse, Prozesse, Errungenschaften oder Katastrophen als Maßstab für die Bewertung der Gegenwart dienen? Und welche Bedeutung kommt ihnen für die Gestaltung der Zukunft zu?
Diesen Fragen gingen am 26. Juni bei hochsommerlichen Temperaturen Freunde, Wegbegleiter, Lehrer und Schüler von Prof. Dr. Markus Riedenauer sowie zahlreiche philosophisch Interessierte im Wiener Otto-Mauer-Zentrum nach. Den Anlass des Vortrags- und Diskussionsabends bot die Ehrung des Philosophen und Theologen Markus Riedenauer. Den Festvortrag unter dem Titel „Geschichte als Maßstab? Zur normativen Kraft der Vergangenheit“ hielt dessen Kollege Prof. em. Walter Schweidler.
Organisiert wurde die Veranstaltung von DDr. habil. Klaus Viertbauer, ehemaliger Assistent Riedenauers am Lehrstuhl für Philosophische Grundfragen der Theologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Mit großer Sachkenntnis führte Viertbauer durch den Abend, würdigte das wissenschaftliche Wirken Riedenauers und stellte den Festredner vor. Unter den Gästen befanden sich unter anderem auch zwei Lehrer Riedenauers, Prof. em. Augustinus Karl Wucherer-Huldenfeld und Prof. em. Günther Pöltner.
Walter Schweidler eröffnete seinen Vortrag mit der Feststellung, dass Geschichte nicht von einem außerhalb ihrer selbst liegenden Maßstab beurteilt werden könne. Wer frage, ob sich „aus der Geschichte lernen“ lasse, setze leicht voraus, dass über der Geschichte eine ordnende Vernunft oder allgemeine Gesetzmäßigkeit stehe. Wo jedoch ein äußerer Maßstab fehle, Geschichte also kein Maß habe, müsse anerkannt werden, dass sie ihr eigenes Maß sei.
Daran anschließend entfaltete er seine zentrale These: Die normative Kraft der Vergangenheit gründe nicht in zeitlosen Gesetzen, sondern in freiem, menschlichem Handeln, das sich seinerseits stets an konkreten geschichtlichen Knotenpunkten ereigne. Normen seien keine Voraussetzungen der Geschichte, sondern ihre Folgen. Geschichte erscheine damit nicht als Gegenstand philosophischer Beurteilung, sondern als Quelle von Normativität.
In seiner Auseinandersetzung mit positivistischen Geschichtstheorien betonte Walter Schweidler, Geschichte erschöpfe sich nicht in der Beschreibung wiederkehrender Abläufe. Historisches Verstehen bedeute vielmehr, die Gedanken und Motive der Handelnden nachzuvollziehen. Zur Erläuterung unterschied er zwischen „Gleichheit“ und „Selbigkeit“: Naturvorgänge wiederholten sich als Gleiches, Geschichte dagegen werde als dieselbe im Denken gegenwärtig. Geschichte sei daher die „Wiederholung des Unwiederholbaren“.
Veranschaulicht wurde dieser Gedanke durch den Vergleich mit der Eucharistie, deren Sinn sich nicht in bloßer Erinnerung erschöpfe, sondern im gegenwärtigen Geschehen des einst Geschehenen. Ebenso werde Vergangenheit im geschichtlichen Verstehen nicht lediglich erinnert, sondern bleibe in ihrem Vergehen gegenwärtig.
Am Beispiel der Menschenwürde zeigte der Festredner schließlich, dass grundlegende Normen nicht primär philosophischer Reflexion, sondern konkreten historischen Erfahrungen entstammen. Die nach 1945 aus den Verbrechen des Nationalsozialismus gezogenen Konsequenzen bildeten bis heute das Fundament moderner Verfassungsordnungen. Gerade darin, so Walter Schweidlers Resümee, erweise sich Geschichte nicht als Gegenstand normativer Beurteilung, sondern als deren Ursprung.
Im Anschluss an den Vortrag traten neben dem Festredner und dem Jubilar auch Ingeborg Gabriel (Prof. em. für Sozialethik, Wien) und Johannes Hoff (Prof. für Dogmatik, Innsbruck) auf das Podium. Der Moderator DDr. habil. Klaus Viertbauer setzte mit pointierten Impulsen den Rahmen der Debatte: Mit der Frage nach einem „Gerechten Krieg“, der wachsenden Polarisierung zwischen säkular-atheistischen und konservativ-christlichen – bis hin zu fundamentalistischen – Milieus sowie den Dynamiken von Digitalisierung und Technisierung spannte er ein weites Feld aktueller Herausforderungen auf.
Ingeborg Gabriel knüpfte an den Vortrag an und stellte einen Grundgedanken aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ in den Mittelpunkt: Lässt sich Geschichte heute überhaupt noch als sinnvolles Nacheinander wahrnehmen? Damit rückte zugleich die Frage nach dem Woraufhin menschlicher Geschichte in den Horizont aller Einzelfragen. Johannes Hoff ergänzte diese Perspektive um eine theologische Dimension, indem er an die Kategorie der Geschichtszeichen erinnerte: Hinweise in der Geschichte, die auf Deutung drängen und Sinnhorizonte eröffnen.
Vor diesem Hintergrund wurde auch die Säkularisierungsthese samt der Idee funktionaler Differenzierung (Durkheim, Weber) kritisch befragt: Trägt sie noch? Die Digitalisierung habe eine Ent-Differenzierung zur Folge, die Markus Riedenauer als freiheitsgefährdend ansieht. Johannes Hoff beobachtete zudem ein Wiedererstarken des Neu-Thomismus, das er als „Paläo-Thomismus“ bezeichnete. Zugleich betonte er, dass Praktiken der Vergangenheit in der Gegenwart durchaus tragfähig bleiben können – vorausgesetzt, man setzt sich „richtig“ mit der Vergangenheit auseinander, das heißt: man geht ihr geduldig und tief auf den Grund.
Eine weitere Akzentuierung brachte Markus Riedenauer ein: Lernen an Geschichte, so sein Punkt, vollzieht sich auch dort, wo sich insbesondere Heranwachsende an das ihrer Generation Vorgegebene anpassen und sich in dessen Koordinatensystem orientieren. Angesichts der raschen Verbreitung von KI warnte er vor der systemischen und langfristigen Gefahr, dass historisch gewachsene Kulturtechniken, wenn an Maschinen delegiert, nicht mehr persönlich ausgebildet werden. Dies führe nicht nur zu individuellem Bildungsschwund mit gesellschaftlichen Folgen, sondern berge auch das Risiko eines geschichtlichen Bruchs.
Gemeinsam mit Walter Schweidler erinnerte der Jubilar daran, Technik sei zunächst ein Werkzeug; man müsse aufpassen, sich nicht vom finanzkapitalistischen Komplex einspannen zu lassen, und habe grundsätzlich die Möglichkeit, auf Technik zu verzichten. Zugleich – Ivan Illich aufgreifend – stellte er die Gegenfrage, ob wir tatsächlich noch im sog. „Zeitalter der Werkzeuge“ leben oder nicht längst im „Zeitalter der Systeme“, in dem unsere Abhängigkeit von Technik strukturell geworden ist. Diese Spannung zwischen verfügbarer Distanz und systemischer Verstrickung bildete einen der roten Fäden der Diskussion.
Trotz Rekordtemperaturen von beinahe 40 Grad fanden sich rund fünfzig Interessierte ein, um an der Veranstaltung teilzunehmen. – Die Veranstaltung wurde gemeinsam vom ZRKG, dem Forum St. Stephan und dem Katholischen Akademikerverband der Erzdiözese Wien organisiert.
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