Patrick Angerer ist seit 2025 an der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der KU Eichstätt-Ingolstadt tätig. Er ist außerdem seit dem November 2025 assoziiertes Mitglied im ZRKG und engagiert sich im FF III. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Briefkultur der Renaissance und des Grand Siècle (16.-18. Jahrhundert), Sprachen- und Kulturtransfer in Europa, Antikenrezeption und Intertextualität sowie (Post-)Kolonialismus und Gender Studies. Im Gespräch mit dem ZRKG stellt er sich vor.
ZRKG: An welchem (Forschungs-)Projekt arbeiten Sie aktuell?
Angerer: Aktuell bin ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem DFG-Projekt zum Werk von Aurora von Königsmarck (1662-1728) beschäftigt (https://www.ku.de/news/dfg-projekt-zum-werk-von-aurora-von-koenigsmarck und https://www.ku.de/die-ku/kontakt/presse/presseinfor-mationen-detail/galant-gelehrt-gefeiert-die-wiederentdeckung-der-aurora-von-koenigsmarck). In Zusammenarbeit mit der JMU Würzburg und der TU/ULB Darmstadt ist die Herausgabe einer Hybridedition ihrer literarischen Werke und einer Auswahl ihrer Korrespondenzen geplant. Dabei kümmere ich mich mit Frau Prof. Dr. Isabelle Stauffer (NdL) in Eichstätt um die Aufbereitung der Briefe. Konkret geht es hierbei um die Transkription, Übersetzung und Kommentierung der zahlreichen und auf unterschiedlichen Sprachen verfassten Briefe (zumeist auf Französisch oder Deutsch, zum Teil aber auch auf Italienisch, Schwedisch oder Latein). Diese liegen in verschiedenen Archiven Deutschlands und Schwedens meist in originalen Hand- oder Abschriften vor. Sie wurden zwar vereinzelt schon in älteren Ausgaben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts abgedruckt, allerdings teilweise mit gravierenden Übersetzungsfehlern und oft auch nur auszugsweise. Ziel des Projekts ist es somit, die literarischen Werke von Aurora von Königsmarck mit ausgewählten Briefen in einer kommentierten Ausgabe zusammenzuführen, um ihr im Laufe des Überlieferungsprozesses verstreutes und auch vergessenes Werk, das aufs engste mit der galanten Lebenswelt verbunden war, ins Licht zu rücken und damit einem Stück weit ihrem Ruf gerecht zu werden, der ihr als „berühmteste Frau zweier Jahrhunderte“ gebührt, wie sie Voltaire einst nannte.
Parallel dazu soll im Laufe der Förderzeitraums (August 2025 – Juli 2028) eine Dissertation entstehen, die in engem thematischem Zusammenhang mit dem beschriebenen Projekt steht. Der vorläufige Arbeitstitel lautet „Galante Briefkultur von adeligen Frauen um 1700“. Untersucht werden hierfür neben der Korrespondenz von Aurora von Königsmarck die Briefe anderer Frauen aus dem Adelsstand, die ungefähr zur selben Zeit lebten und wirkten, wie beispielsweise Madeleine de Scudéry, Marquise de Sévigné, Elisabeth-Charlotte d’Orléans und Liselotte von der Pfalz. Im Rahmen der Promotion sind ihre Briefe im Kontext von Galanterie und (Post-)Kolonialismus sowie Religion und Gender näher zu betrachten.
Hierdurch ergeben sich Bezüge zum ZRKG im Allgemeinen wie auch zum Forschungsfeld III: „Religiosität in Transformationsprozessen der Gegenwart“ im Besonderen, da Aurora von Kö-nigsmarck Pröpstin im reichfreien Damenstift Quedlinburg war und religiöse Lyrik geschrieben hat. Auch in ihren Briefen spielt das Leben im Stift immer wieder eine wichtige Rolle. Auch korrespondierte sie mit Geistlichen, wie dem Jesuiten und späteren Würzburger und Bamberger Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn. Insofern sind Religion und kirchliche Einrichtun-gen wichtige Themen und Gegenstände ihrer Werke und Briefe. Zudem bieten die Briefe an mehreren Stellen Anlass dazu, „die Rolle der westlichen Kultur und ihrer Werte in der globali-sierten Welt kritisch [zu] reflektier[en]“, wie es ein Anliegen des FF III ist. Denn auch wenn – oder gerade weil – die Briefe vor über 300 Jahren verfasst worden sind, lassen sich die darin
verhandelten Themen aus der Perspektive der Gender und Postcolonial Studies untersuchen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn es um die Umgangsformen zwischen den unterschiedlichen Geschlechtern oder das Verhältnis zwischen verschiedenen Kulturen geht, wie es unter anderem in der Beziehung von Aurora zu ihrer türkischen Patentochter Fatima oder in der Verkleidung als Angehörige fremdländischer Kulturen bei der Inszenierung höfischer Feste angedeutet ist.
ZRKG: Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen? Hat es so etwas wie einen starken Impuls, ein zentrales Motiv gegeben?
Angerer: Bereits seit dem Sommersemester 2022 bin ich an der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft tätig und habe mich als Studentische Hilfskraft bisher vorwiegend um die Transkription, vereinzelt auch die Übersetzung der Briefe von Aurora von Königsmarck gekümmert. Durch diese Tätigkeit gelangte ich in das DFG-Projekt und darf mich nun seit August 2025 in der Rolle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter den für die geplante Edition anstehenden Aufgaben in einem zeitlich größeren und fachlich vertiefteren Rahmen widmen.
In meiner Masterarbeit, die ich kurz nach Antritt meiner Stelle abgeschlossen habe, beschäftigte ich mich auch bereits mit Briefen. Dabei ging es darum, „Neuere Perspektiven auf die Brief-korrespondenz der Humanisten Gian Vincenzo Pinelli und Claude Dupuy“ zu eröffnen. Gleichwohl es sich bei der Korrespondenz der beiden Humanisten am Ende des 16. Jahrhunderts um eine vollkommen andere Ausgangssituation, inhaltliche Thematik und auch um eine andere Briefkultur im Vergleich zu der im Adelskontext der folgenden Jahrhunderte handelt, konnte ich wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse im Umgang mit Briefliteratur erwerben, die ich nun in das bevorstehende Projekt sowie meine eigene Promotion einbringen möchte. Besonders fasziniert (hat) mich bei der Beschäftigung mit Briefen ihre „Doppelseitigkeit“, weil sie sowohl als historische Dokumente als auch als literarische Werke analysiert werden können. Gerade im Falle von Privatkorrespondenzen, die jedoch nicht immer eindeutig von literarisierten Kunstbriefen zu unterscheiden sind, können Briefe einen umfassenden einen Einblick in die Vergan-genheit geben und zugleich etwas über die Persönlichkeit der Schreibenden aussagen.
ZRKG: Was motiviert Sie, einem interdisziplinären Forschungszentrum beizutreten? Gibt es Themen, die Ihnen dabei besonders wichtig sind?
Angerer: Bisher hatte ich in meinem Studium mit Ausnahme vereinzelter Lehrveranstaltung nur sehr wenig Berührungspunkte mit anderen Fächern. Umso spannender und interessanter finde ich es, auch einmal über den eigenen fachlichen Tellerrand hinauszusehen, sich mit Forschenden anderer Disziplinen zu vernetzen und sich auch einmal in deren Forschungsarbeiten hineinzudenken. Für diesen interdisziplinären Austausch bietet das ZRKG die optimale Anlaufstelle.
Gerade im Bereich der Literaturwissenschaft empfinde ich es als besonders wichtig, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen, um Texte nicht nur rein textimmanent zu betrachten, sondern mithilfe einer texttranszendenten Lektüre, etwa vor dem Hintergrund ihres historischen und sozio-kulturellen Entstehungskontextes, ebenfalls in einen größeren Kontext einzuordnen. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man literarische Texte betrachtet, können sich nämlich vollkommen neue Deutungsmöglichkeiten ergeben. Dabei bleiben die Texte oft die gleichen; was sich dagegen ändert, ist der Blick auf diese und damit die Erkenntnisse, die man durch einen Perspektivenwechsel bzw. eine Perspektivenerweiterung, wie sie der Austausch in einem interdisziplinären Forschungszentrum ermöglicht, gewinnen kann.
Themen, die mir in Bezug auf meine Forschungsinteressen sowie im Speziellen Briefliteratur besonders am Herzen liegen, sind (Post-)Kolonialismus und Gender Studies, weil diese vor dem
Hintergrund unserer aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen von sehr hoher Aktualität sind. Auch Geschichte und Soziologie im Allgemeinen finde ich sehr wichtig, weil ich persönlich kein Historiker bin; mir in der Arbeit mit den zu edierenden Briefen aber immer wieder auffällt, dass historische Grundkenntnisse für eine Kontextualisierung und Interpretation unabdingbar sind, um die Texte selbst besser nachzuvollziehen und für andere adäquat zu kommentieren.
ZRKG: Gibt es eine Disziplin neben Ihrem eigenen Fach, der Sie sich besonders verbunden fühlen? Und wenn ja – warum?
Angerer: Ursprünglich habe ich Romanistik und Klassischen Philologie studiert, weshalb ich mich schon immer für ältere, fremdsprachliche Texte aus der Vergangenheit und aus anderen Kulturräumen interessiere. Im Rahmen einer sprachwissenschaftlichen Lehrveranstaltung zur Diachronie des Französischen haben wir uns bereits vereinzelt mit der Frage beschäftigt, wie beispielsweise die höfischen Romane von Chrétien de Troyes im deutschen Sprachraum rezipiert wurden. Jetzt, wo ich fest in der Germanistik angestellt bin, ist der Weg von der NdL zur ÄdL nicht mehr weit. Deshalb interessiert es mich besonders, wie französische oder auch anderssprachige Texte Eingang in die deutschsprachige Literatur des Mittelalters gefunden haben – auch in Bezug auf andere Gattungen, Epochen und Sprachen – und wie sich generell die Rezeption literarischer Werke auch über sprachliche Grenzen hinweg vollzogen hat.
ZRKG: Vielen DANK für das Gespräch!