Friedrich N. Ammermann hat am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz mit einer Dissertation zur Geschichte der Kap-Kairo-Bahn im Südlichen Afrika promoviert. In dieser Arbeit kontrastiert er koloniale Beherrschungsfantasien durch Infrastruktur mit einer nuancierten Nutzungsgeschichte durch verschiedene Akteursgruppen. Dabei zeigt er, dass die realisierten Teile der Kap-Kairo-Bahn durchaus Instrumente der kolonialen Beherrschung waren, die Eisenbahn jedoch stets umstritten war – sowohl zwischen imperialen Akteuren wie der privaten British South Africa Company, den Siedlern und dem britischen Colonial Office, als auch von afrikanischen (und indischen) Nutzenden und Arbeitern. Infrastruktur erfüllt demnach nicht durch ihre bloße Existenz (politische) Zwecke, sondern wird von den Nutzer*innen bestimmt.
Die Frage nach der Handlungsmacht lokaler Akteur*innen in großen technischen Strukturen steht auch im Mittelpunkt seines neuen Forschungsprojekts zur „In Kohle schwimmen. Die Transformation ostdeutscher Braunkohlefolgelandschaften nach der Wende, 1990-2000“. Die Demonstrationen, die das Ende der DDR einleiteten, wurden unter anderem von der Sorge der Bürger*innen um die Zerstörung ihrer ökologischen Lebensbedingungen getragen. Der intensive Braunkohleabbau führte zu großflächigen Umweltzerstörungen und zur Umsiedlung von Menschen und ganzen Dörfern. Mit dem Ende der DDR wurde der nun kaum noch wettbewerbsfähige Kohleabbau drastisch reduziert. Übrig blieben riesige, devastierte Landschaften, die einer Sanierung und Neugestaltung bedurften, für die aber keine Planungen vorlagen. Bereits 1990 legte die Bundesregierung fest, dass die Sanierung nicht – wie üblich – ausschließlich von den Bergbauunternehmen geplant werden sollte, sondern dass die lokalen Bewohner*innen demokratisch an der Landschaftsgestaltung zu beteiligen seien. In den folgenden Jahren die devastierten Flächen zu weltweit beachtete wasserbasierten Naherholungs- und Feriengebieten umgestaltet. Die prestigeträchtigen, verloren gegangenen Arbeitsplätze im Kohlesektor konnten durch den aufkommenden Tourismusbetrieb jedoch nicht kompensiert werden. Zunehmend wird auch die gleichförmige Art der Sanierung kritisiert, die außerdem große Mengen Wasser benötigt, dessen Quelle bei steigender Wasserknappheit ungeklärt ist.
Angesichts dieser verschiedenen Blickwinkel auf die Gestaltung der Landschaft untersucht dieses Forschungsprojekt die großräumige Umwelttransformation in Ostdeutschland mit einem akteurszentrierten Ansatz, der die verschiedenen Akteur*innen, die die Prozesse in unterschiedlichem Maße gestalten konnten, ernst nimmt. Durch die Untersuchung des verschränkten Handelns der verschiedenen Gruppen von Handelnden will das Projekt herausfinden, inwieweit die Interessensgruppen die Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen der Umgestaltung ihrer Umwelt beeinflussen und gestalten konnten. Das Projekt bewegt sich somit an der Schnittstelle zwischen Umwelt-, Sozial- und Politikgeschichte von unten. Es stützt sich auf eine Kombination von institutionellem und individuellem Quellenmaterial, das von beteiligten Bundesinstitutionen wie der Treuhand und der LMBV, ehemaligen DDR-Institutionen, der ökologischen Bewegung und lokalen Interessensverbänden stammt.