Neue Synopse erschließt die vielsprachige Überlieferung des Sirachbuchs

Das biblische Buch Ben Sira / Jesus Sirach ist in mehreren antiken Sprachfassungen überliefert, die sich teils deutlich voneinander unterscheiden. Eine neue wissenschaftliche Synopse macht diese Texttraditionen nun erstmals umfassend vergleichbar. An dem Forschungsprojekt war auch die Katholische Universität beteiligt. Mitherausgeber ist der Eichstätter Alttestamentler Prof. Dr. Burkard M. Zapff.

Wer das Buch Jesus Sirach wissenschaftlich lesen will, steht vor einer Herausforderung: Der Text existiert nicht nur in einer Fassung, sondern liegt in mehreren Sprach- und Überlieferungstraditionen vor. Die nun fertiggestellte Synopse bringt diese Textgeschichte zusammen. Sie bietet die hebräischen, griechischen, lateinischen und syrischen Fassungen des Sirachbuchs im direkten Vergleich und ergänzt sie durch eine deutsche Übersetzung. Das Buch Jesus Sirach gehört zu den Weisheitsschriften des Alten Testaments beziehungsweise zu den deuterokanonischen Schriften. Es entstand um 200 v. Chr. in hebräischer Sprache und wird dem jüdischen Gelehrten Jesus Sirach, auch Ben Sira genannt, zugeschrieben. Inhaltlich verbindet das Werk religiöse Reflexion mit lebenspraktischen Ratschlägen zu Themen wie Bildung, Frömmigkeit, Freundschaft, Familie und gesellschaftlichem Verhalten.

Für die bibelwissenschaftliche Forschung ist das Buch seit langem besonders interessant, weil es in mehreren antiken Sprachfassungen überliefert ist, die in einem komplexen Verhältnis zueinanderstehen. Neben hebräischen Fragmenten aus der Kairoer Geniza, aus Qumran und Masada existieren eine griechische Fassung, die später Teil der Septuaginta wurde, eine syrische Übersetzung sowie lateinische Texttraditionen. Dazu gehören die „Vetus Latina“, also ältere lateinische Bibelübersetzungen aus der frühen Kirche, und die „Vulgata“, die im westlichen Christentum über viele Jahrhunderte maßgebliche lateinische Bibelfassung.

Synopse Jesus Sirach
Die Synopse stellt in vier Spalten die syrische, hebräische, griechische & lateinische Quelle dar

Genau darin liegt die Bedeutung des jetzt abgeschlossenen Forschungsprojekts: Die verschiedenen Textfassungen lassen sich nun erstmals auf breiter Grundlage direkt miteinander vergleichen. „Die Synopse schließt eine lange bestehende Forschungslücke“, sagt Professor Burkard Zapff. „Damit wird die Arbeit zu textkritischen, sprachgeschichtlichen, textgeschichtlichen und theologischen Fragen des Sirachbuchs erleichtert.“ Darüber hinaus eröffne die Synopse präzisere Zugänge zu philosophie-, religions- und kulturgeschichtlichen Aspekten des Werkes. Der wissenschaftliche Ertrag liegt dabei nicht nur in einer neuen deutschen Übersetzung. Sichtbar wird auch, wie ein antiker Text in verschiedenen Sprach- und Überlieferungskontexten weitergegeben, übersetzt, ausgelegt und zum Teil erweitert wurde. 

Die Synopse steht in engem Zusammenhang mit dem Großprojekt „Septuaginta Deutsch“. Bereits dort hatte sich gezeigt, dass das Sirachbuch nicht angemessen erschlossen werden kann, wenn man nur die griechische Fassung berücksichtigt. Deshalb wurde ab 2012 eine eigene Arbeitsgruppe aufgebaut, die die hebräischen, griechischen, lateinischen und syrischen Texttraditionen gemeinsam bearbeitete. Die Arbeiten zogen sich insgesamt über rund zehn Jahre hin. Gründe dafür waren nach Angaben der Beteiligten vor allem der hohe Variantenreichtum der Überlieferung sowie pandemiebedingte Unterbrechungen gemeinsamer Arbeitstreffen.

An dem Projekt wirkten elf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Altes und Neues Testament, Gräzistik, Latinistik und Syrologie mit. Die Herausgeber sind Wolfgang Kraus, emeritierter Professor für Neues Testament an der Universität des Saarlandes, Heinz-Josef Fabry, emeritierter Professor für Altes Testament an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, und Burkard M. Zapff, emeritierter Professor für Altes Testament an der Theologischen Fakultät der KU. Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Umfang von insgesamt rund einer halben Million Euro. Weitere Mittel kamen unter anderem von der KU, der Universität des Saarlandes und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Während der Projektlaufzeit fanden zudem zwei internationale Tagungen statt, deren Ergebnisse in eigenen Sammelbänden veröffentlicht wurden.

Die Sirach-Synopse umfasst rund 1500 Seiten in zwei Bänden und soll auch im Open Access zugänglich sein. Erschienen ist sie im Göttinger Verlag Vandenhoeck und Ruprecht.


Text und Fotos: Christian Klenk

Burkard Zapff
Prof. Dr. Burkard Zapff