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„Von einer Globalisierung der Gleichgültigkeit zur Globalisierung der Geschwisterlichkeit“

Vor fünf Jahren veröffentlichte Papst Franziskus seine vielbeachtete Enzyklika "Laudato Si'" zu sozialen und ökologischen Fragen. Nun ist sein neues Schreiben "Fratelli tutti" erschienen, das er selbst einen "demütigen Beitrag zum Nachdenken" nennt und darin Perspektiven für eine Gesellschaft entwirft, die von Solidarität und Würde geleitet wird. Ein Interview mit dem Theologen Prof. Dr. Martin Kirschner über die aktuelle Relevanz der Enzyklika und ihren Stellenwert über die katholische Kirche hinaus.

 

Die neue Enzyklika „Fratelli tutti“ wurde in den ersten Reaktionen als „Weckruf“ oder „Meilenstein des Dialogs“ bezeichnet. Welchen Charakter hat für Sie der Text – auch im Vergleich zu den bisherigen Lehrschreiben?

Wie auch die anderen Schreiben von Papst Franziskus spricht die neue Enzyklika sehr bewusst in die aktuelle Situation hinein und greift diese auf. Zudem ist auch diese Enzyklika aus einem Dialog heraus erwachsen – etwa mit dem ägyptischen Großimam Ahmad al-Tayyeb, mit dem er im vergangenen Jahr ein „Dokument über die menschliche Brüderlichkeit“ unterzeichnet hatte. Besonders ist sicher die Situation der Corona-Krise, die das gesamte Dokument quasi färbt. Für Papst Franziskus deckt diese wiederum weitere Krisen unserer Zeit auf, die weit über die Fragen einer Pandemie hinausgehen.


Thematisch spannt Papst Franziskus einen weiten Bogen – von Corona über Kapitalismus, Populismus und Migration bis hin zu Armut und Egoismus. Welche Botschaften sind für Sie die wichtigsten?

Die Enzyklika ist thematisch sehr reichhaltig und es wird noch Zeit brauchen, um den Text eingehend zu rezipieren. Allein der Begriff “fratelli“ im Titel führte ja bereits zu Diskussionen, ob das Dokument hinreichend gender-sensibel ist. Der Duktus des Dokumentes ist jedoch zweifelsfrei inklusiv. Mit Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft  spricht der Papst die emotionale Fundierung des Politischen an: Wir gehören zusammen und sind füreinander verantwortlich. Franziskus macht deutlich, dass dies kein Thema ist, das sich auf den Privatbereich beschränkt, ebenso wie der Begriff der Liebe. Zudem setzt er seine Kritik am Charakter der Globalisierung und dem westlichen Lebensstil fort. Er nimmt dabei die Perspektive der Mehrheit auf unserem Planeten ein, die sich nicht in der Standardsituation eines Mitteleuropäers in gesicherten Verhältnissen befinden. Er stellt der Globalisierung der Gleichgültigkeit und des Eigeninteresses eine Globalisierung der Geschwisterlichkeit gegenüber. Er ruft dazu auf, sich dem Anderen zuzuwenden. Dies muss sich bewähren im Verhältnis zu Fremden und Ausgegrenzten. Flucht und Migration werden so quasi zum Lackmustest der Menschlichkeit. Die Kritik an der Art der Globalisierung ist jedoch nicht als Plädoyer für einen Isolationismus gemeint.

Ein wichtiges Thema der neuen Enzyklika stellt auch die Form der Kommunikation im digitalen Zeitalter dar. „Als Gefangene der Virtualität sind uns der Geschmack und das Aroma der Realität abhandengekommen“, schreibt er. Sein Anliegen ist es, dass wir uns weiterhin über die mediale Vermittlung hinaus als leibliche Menschen begegnen.


Welche Vision formuliert die neue Enzyklika für das künftige Zusammenleben?

Elementar ist es für ihn, nicht einen fertigen Plan zu postulieren, sondern über Kulturen und Konfessionen hinweg kommunikative Prozesse anzustoßen. Dabei gilt es für Franziskus, diejenigen einzuschließen, die an solchen Prozessen bislang nicht beteiligt sind. Der Dialog und Integration sind Programm.


Welches Menschenbild entwirft „Fratelli tutti“?

Prägend ist, dass der Mensch aus und in Beziehungen und Begegnungen lebt, um gemeinsam Zukunft zu entwerfen. Darin steckt eine scharfe Kritik an der Haltung, den Menschen als autark, souverän und individuellen Nutzenmaximierer zu verstehen. Dieses Menschenbild ist tief in der westlichen Kultur verankert. Für Franziskus sind wir jedoch gerade in unserer Verletzlichkeit miteinander verbunden und sollen einander Nächster werden.


Welche Resonanz kann das Schreiben außerhalb der katholischen Kirche haben und welche Funktion haben Religion und Kirche in der Enzyklika?

Ich denke, dass die Enzyklika auf fruchtbaren Boden fallen kann, denn die Krise der westlichen Demokratien, die globale Ungleichheit und die möglichen Folgen eines ökologischen Kollapses sind schockierend. Jetzt ist der Zeitpunkt, um umzusteuern.  Wenn die Enzyklika richtig verstanden wird, ist sie eine große Provokation, weil sie für eine Umkehr plädiert – etwa im Hinblick auf das Wirtschaftssystem. Franziskus fordert dazu auf, sich auf die verdrängten Aspekte der Realität einzulassen und sich zu engagieren.

Für ihn bilden die Religionen einen Teil der Weisheit der Menschheit, in ihnen sind geschichtliche Erfahrungen verarbeitet. Sie sind Ausdruck der Suche nach Gott – und der Suche Gottes nach den Menschen. Als Geschöpfe sind wir endlich und fehlbar – und darin aufeinander verwiesen. Die Bedeutung des interreligiösen Dialogs wird deshalb – wie schon bei Laudato Si‘ – auch in diesem Dokument unterstrichen. Aus den jeweiligen Überzeugungen heraus soll ein offener und wertschätzender Dialog entstehen, in dem man das Eigene nicht verbirgt. In der Enzyklika wird dabei aber auch immer wieder eingestreut, wie sehr Religionen und Gott vereinnahmt und zur Rechthaberei missbraucht werden. An manchen Stellen kritisiert Franziskus auch eine solche Haltung innerhalb der katholischen Kirche. Es hätte dem Schreiben gutgetan, wenn dieser selbstkritische Aspekt noch breiter entfaltet worden wäre. Denn all diese Konflikte spiegeln sich ja auch in der katholischen Kirche wider.


Eine zentrale Forderung in der Enzyklika besteht in der „Nächstenliebe als Prinzip der Politik“. Ist diese Forderung naiv?

Franziskus macht deutlich, dass Liebe mehr ist als etwas Privates oder Romantisches, sondern der Grundbaustein menschlichen Zusammenlebens. Die Stärke der Enzyklika besteht darin, die politische Seite von Liebe und Freundschaft zu entfalten. Einem armen Menschen Essen zu geben ist Nächstenliebe. Die politische Seite von Nächstenliebe besteht für Franziskus dann darin, Strukturen zu schaffen, in denen diese Menschen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten und die Welt mitgestalten können. Es geht um eine politische Prioritätensetzung, die sich tatsächlich in diesem Sinn aus Liebe ableitet. Eine zentrale politische Frage besteht ja darin, wessen Interessen zählen. Normalerweise zählen die der Mächtigen. Die christliche Botschaft fordert einen Perspektivwechsel: Eine Politik muss sich an den Schwachen ausrichten. Franziskus führt einen Begriff des Politischen ein, der über eine reine Nutzenorientierung hinausgeht: Das Politische ist der Raum unserer gemeinsamen Zukunftsgestaltung. Dies ist nicht utopisch, aber es bedarf dazu dauerhaft gemeinsamer Anstrengung. Franziskus argumentiert nicht naiv, sondern hoffnungsvoll. Mit der Hoffnung argumentiert er gegen Resignation und Gewalt.


Welche Impulse ergeben sich aus dem Schreiben für innerkirchliche Diskussion – etwa für den „Synodalen Weg“ in Deutschland?

Die Enzyklika führt mehrere Prinzipien an: den Dialog; das Hören auf diejenigen, die an den Rand gedrängt und ausgegrenzt sind. Sprich: Wie kann man diejenigen beteiligen, die bislang nicht zu Wort kommen? Dies gilt auch für die Kirche selbst. Dabei muss man auch die Perspektive einer Weltkirche einnehmen. Der soziale Riss, der durch die Welt geht, setzt sich auch in der Kirche fort. Die Missbrauchsthematik wiederum ist eine weltweite Thematik und zeigt gerade eine Vergiftung der Geschwisterlichkeit. Deswegen kommt meiner Meinung nach dem Synodalen Weg ein enormer Stellenwert zu. 

 

Zur Person:
Prof. Dr. Martin Kirschner ist an der KU Inhaber des Lehrstuhls für Theologie in Transformationsprozessen der Gegenwart und leitet an der KU das „Zentrum Religion, Kirche, Gesellschaft im Wandel“.