K'Universale-Vortragsreihe im Wintersemester: „Fascist Spaces – Faschistische Räume“

Giorgia Meloni regiert als postfaschistische Ministerpräsidentin in Italien, Donald Trump agiert in den USA in seiner zweiten Amtszeit ungeniert autoritär und rassistisch, und die AfD in Deutschland, eine in großen Teilen gesichert rechtsextreme Partei, sammelt 2026 erhebliche Wahlerfolge. Der moderne Faschismus ist weltweit im Aufwind und die Demokratie erlebt einen Stresstest, ohne sich auf eine Verteidigungsstrategie einigen zu können. Diesem Phänomen kritisch begegnend, besteht derzeit eine rege Debatte über Phänomen und Begriff dieser Faschisierung: Inwieweit kann man den Faschismus von heute mit seinen historischen Vorgängern vergleichen? Und inwiefern hilft der historische Vergleich bei der kritischen Auseinandersetzung mit den heutigen Faschismen? Vor diesem Hintergrund widmet sich die öffentliche Vortagsreihe K’Universale der Katholischen KU dem Faschismus im digitalen, politischen und gesellschaftlichen Raum. Unter dem Titel „Fascist Spaces“ finden im Wintersemester 2026/2027 insgesamt fünf Vorträge renommierter Referentinnen und Referenten aus den USA, Kanada und Deutschland statt.

Ein Vortragsprogramm mit amerikanistischer und philosophischer Handschrift

Das Vortragsprogramm, das von Amerikanistikprofessor Jens Temmen und Philosophieprofessorin Imke von Maur organisiert wird, will aus philosophischer und amerikanistischer Sicht den Faschismus des 21. Jahrhunderts als räumliche Praxis untersuchen und aktuelle Erscheinungsformen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven diskutieren. Aus Sicht der kulturwissenschaftlichen Ortsforschung interessiert die beiden als Fakultätsmitglieder des Graduiertenkollegs „Practicing Place“ an der KU dabei besonders, wie „Räume“ nicht einfach vorgefunden, sondern durch faschistische Praxis entstehen. 

„Aus amerikanistischer Sicht stellt sich mit Blick auf die zunehmende Faschisierung der USA unter Trump die Frage, was einen amerikanischen Faschismus genau ausmacht. Wie unterscheidet er sich also eventuell von den Faschismen des europäischen Kontexts, und welche Rolle spielen der christliche Nationalismus, der strukturelle Rassismus, die Ideologie der „White Supremacy“, aber auch ein zügelloser technologisierter Spät-Kapitalismus? Diese Fragen nach der kulturellen Kontextabhängigkeit von Faschismus kann man sich, aus meiner Sicht, am besten interdisziplinär nähern,“ so Jens Temmen.

Aus philosophischer Perspektive lässt sich fragen, wie sich Faschismus überhaupt in Subjekten und Wirklichkeitsordnungen niederschlägt. Von Maur erklärt dazu: „Mich interessiert, wie Faschismus als affektive und subjektbildende Praxis wirkt. Wie werden Menschen etwa durch Ressentiment oder Zugehörigkeitsversprechen als bestimmte Subjekte adressiert und welche Wirklichkeits- und Erkenntnisordnungen werden dabei stabilisiert? Dabei kommen vor allem affektive und materielle Infrastrukturen in den Blick – von digitalen Plattformen bis zu Institutionen wie Universitäten oder Verwaltungen, die faschistische Praktiken begünstigen, absorbieren oder eben auch verhindern können.“ Temmen und von Maur haben ein facettenreiches Programm zusammengestellt, das an fünf Terminen – online und offline – auch die Bevölkerung einlädt in den Diskurs einzusteigen. 

Zwei Online-Veranstaltungen als Rahmen und Höhepunkte

Zwei der insgesamt fünf Termine im November und Januar finden online statt. Diese rahmen das Programm und sind – da sind sich von Maur und Temmen einig – die Highlights der Reihe. Den Auftakt macht am Montag, den 9. November 2026, Alberto Toscano, der in seinem Vortrag fragt: „Fascism without the West?“ – „Faschismus ohne den Westen?“ Während sich die europäischen Faschismen der Zwischenkriegszeit als militante Reaktionen auf einen „decolonial race war“, der den Niedergang des Westens beschleunigte, verstanden, ließ sich der Begriff Faschismus nie einfach auf die Herrschaftsverhältnisse zwischen dem „Westen und dem Rest der Welt“ beschränken. Im Gegenteil: Einige der wichtigsten Faschismustheorien entstanden nicht nur außerhalb der nordatlantischen imperialen Kernländer, sondern befassten sich auch mit nicht-westlichen Regimen und Bewegungen. In seinem Vortrag beschäftigt sich Toscano mit Fragen wie „Inwiefern können wir von Faschismen außerhalb oder gar ohne den Westen sprechen?“, „Und wie werden diese Faschismen durch die sich wandelnden Formen des „westlichen“ (US-amerikanischen und europäischen) Imperialismus geprägt?“ und „Wie können wir „faschistische Räume“ – einschließlich der geopolitischen und weltsystemischen Ordnungen, die Faschisierungsprozesse rahmen – neu denken, ohne die Perspektive des einstigen westlichen Metropolenzentrums einzunehmen?“ Alberto Toscano ist außerordentlicher Professor an der School of Communication der Simon Fraser University in Burnaby, Kanada.

Den Abschluss bildet der Vortrag von Dagmar Herzog am Montag, den 25. Januar 2027. Ihr Thema ist „The New Fascist Body“ – „Der neue faschistische Körper – Ableismus und affektive Politik vom Nationalsozialismus bis zur heutigen extremen Rechten“. Dagmar Herzog untersucht die affektiven Mechanismen neuartiger Formen des Faschismus in Deutschland. Sie beleuchtet wiederkehrende Themen wie „sexy Rassismus“ und die Politik gegen Menschen mit Behinderungen in der AfD sowie deren Vorläufer im Nationalsozialismus und davor. Dadurch verortet sie den Nationalsozialismus in einer längeren Geschichte tödlicher Boshaftigkeit gegenüber den Schwachen und dem Versprechen nationaler Größe. In der Gegenwart erzeugen enthemmende, bewusst widersprüchliche Botschaften und die Verknüpfung von erregender libidinöser Grenzüberschreitung mit ableistischer Boshaftigkeit keine Gegenreaktion, sondern einen „Frontalangriff“ – eine antizipatorische, präventive Reaktion gegen progressive Inklusionspolitiken, die noch nicht flächendeckend umgesetzt wurden. Dagmar Herzog ist Professorin für Geschichte am Graduate Center der City University of New York. 

Die weiteren Referentinnen und Referenten sind am 23. November 2026 Katrin Köppert (HU Berlin), am 11. Januar 2027 Simon Strick und am 18. Januar 2027 Anna-Verena Nosthoff (Uni Oldenburg) und Felix Maschewski (HU Berlin). Die Veranstaltungen finden jeweils montags von 18.15 bis 19.45 Uhr statt, wenn sie in Präsenz durchgeführt werden, im Kollegiengebäude A (KGA-101) in der Ostenstraße 26, Eichstätt. Weitere Informationen finden Interessierte unter ku.de/fascist-spaces.