Seit dem Sommersemester 2025 wird am ZRKG eine Forschungslinie verfolgt, die sich ausgehend vom Denken Ivan Illichs kritisch mit Pathologien heutiger Kultur und mit Engführungen im Verständnis der modernen Universität auseinandersetzt, um zugleich alternative Formen eines im Alltag und im Zusammenleben verwurzelten ("inkarnierten") Denkens und einer interkulturell offenen Form akademischer Bildung in den Blick zu nehmen. Zunächst fand im Sommersemester 2025 in Kooperation von Forschungsfeld II und III unter Leitung der Professoren Martin Kirschner (Theologie in Transformation) und Markus Riedenauer (Philosophische Grundlagen der Theologie) und in Kooperation mit Prof. Isabella Bruckner und Justin Veit das Forschungsseminar "Das Schlimmste ist Korruption des Besten - Kulturkritik des Christentums bei Ivan Illich“ statt. In Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern aus Rom (Isabella Bruckner) und Tübingen (Sebastian Pittl) wurde am 2. Juni 2025 ein Seminartag durchgeführt, an dem unterschiedliche Aspekte von Illichs Werk im Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart diskutiert wurden. Ergebnisse dieses Seminars sollen 2026 zum 100. Geburtstag von Ivan Illich in der Internationalen Zeitschrift für Philosophie "Concordia" publiziert werden. Ein kurzer Bericht ist hier abrufbar.
Unmittelbar auf den Seminartag folgte am 03. Juni 2025 eine weitere Kompaktveranstaltung, welche unter dem Titel "Amerika als Ort messianischer Deutungen und interkultureller Begegnung" das Thema der Interkulturalität im Kontext Amerikas vertiefte. Dr. Silvana Kandel Lamdan (Berlin) zeigte in ihrem Vortrag, wie sich mit dem Verständnis Amerikas messianische Deutungen und imperiale Ansprüche verbinden ("Imperial Shadows and Messianic Visions: The Contested Sacred Landscapes of the Americas"). Prof. Dr. Raúl Fornet-Betancourt (Aachen), der als einer der wichtigsten Vertreter und Wegbereiter einer interkulturellen Philosophie ebenfalls an beiden Veranstaltungen teilnahm, stellte die Entstehung einer dezidiert lateinamerikanischen Philosophie vor, die er im Spannungsfeld zwischen republikanischer Kontextualisierung, Inkulturation und Interkulturalität verortete. Der dritte Vortrag von Dr. Alejandro Castillo Morga (Oaxaca/Mexiko) stellte das Projekt der "Universidad Autónoma Comunal de Oaxaca" (UACO) in Zenzontépec, einem entlegenen Ort der "Sierra Sur" im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca vor. Mit der Idee der Kommunalität, der Interkulturalität und eines dekolonialen Denkens führt diese staatlich anerkannte lokale Universität Anstöße von Ivan Illich und anderen Denkern aus seinem Umkreis wie Gustavo Esteva weiter.
Im Rahmen einer Studienreise durch verschiedene Regionen Lateinamerikas nahm der Leiter des ZRKG, Martin Kirschner, vom 24.-28. Oktober 2025 an einem Seminar teil, das Alejandro Castillo am Sitz der UACO in Zenzontépec/Mexiko organisierte. Das Seminar verband das Thema sinnlich vermittelter Wissensformen des Territoriums („Saberes, sabores y olores de mi tierra chatina“) mit der Fragestellung, wie (im Kontext des Allerheiligenfestes und der "Días de los muertos") Verständnis und Vollzug des Lebens durch die Beziehung zu den Vorfahren erweitert werden (Leitspruch: „Engrandecer la vida con nuestros antepasados“). Eine Auswertung von Eindrücken und Ergebnissen des Seminars findet sich hier.
Die Beschäftigung mit den genannten Themen soll im Sommersemester 2026 fortgeführt werden. So ist von Prof. Dr. Isabella Bruckner eine Tagung zum 100. Geburtstag von Ivan Illich in Rom angedacht, welche die Perspektiven des Forschungsseminars vertieft und in einen breiteren, internationalen Kontext stellt. Prof. Dr. Martin Kirschner plant im Rahmen einer Lehrveranstaltung zu interkultureller Philosophie und Befreiungstheologie die Kooperationen mit Kollegen in Mexiko zu vertiefen. Über die entsprechenden Veranstaltungen wird über die Homepage des ZRKG rechtzeitig informiert werden.