Judaica aus Sulzbürg | Sammlungen der Universitätsbibliothek Eichstätt-Ingolstadt

Judaica aus Sulzbürg

Seit über 35 Jahren verwahrt die Universitätsbibliothek eine Sammlung von 52 gedruckten hebräischen Büchern und vier Handschriften, die Eigentum des Eichstätter Priesterseminars sind. Alle sind in hebräischen Lettern gedruckt bzw. geschrieben. Beinahe alle Bücher stammen aus der Ortschaft Sulzbürg in der Oberpfalz, einem wichtigen der wenigen jüdischen Zentren dieser Region. Dort gelangten sie wohl gegen Kriegsende oder später in die Hände des katholischen Ortsgeistlichen Heinrich Meißner (1914–2001), der sie zu einem unbekannten Zeitpunkt dem langjährigen Regens des Eichstätter Priesterseminars, Professor Andreas Bauch (1908–1985), vermachte. Dieser wiederum hat sie 1985 an die Seminarbibliothek übergeben. Heinrich Meißner kam im Juli 1944 als Seelsorger nach Sulzbürg, wo er insgesamt vier Jahrzehnte lang tätig war. Es ist bekannt, dass sich der Pfarrer für alles interessierte, was alt war, vor allem für Kunst und Bücher. Bereits zwei Jahre vor der Ankunft Meißners, im Mai 1942, wurden die letzten Juden aus Sulzbürg deportiert und bis auf eine einzige Überlebende von den Nationalsozialisten ermordet.

Dank der finanziellen Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste war es möglich, in einem kurzfristigen Projekt Forschungen zur Provenienz der Bände durchzuführen. Denn der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei ihnen um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut (NS-Raubgut) handelt.

Der Bestand
UBEI: Sulzbürg - Auswahl aus dem Bestand

Format, Erhaltungszustand und Inhalt der Bücher sind sehr unterschiedlich. Das älteste Buch stammt aus dem 18. Jahrhundert, das jüngste wurde 1924 gedruckt. Der Großteil der Sammlung besteht aus jüdischen liturgischen Büchern in hebräischer Sprache. Zu den häufigsten Werken zählt Wolf Heidenheims „Siddur Sfat Emet“, der sich in verschiedenen Ausgaben und über viele Auflagen hinweg einer großen Verbreitung erfreute. Daneben sind Machsor-Ausgaben, Talmudtraktate und Ausgaben der „Zene Rene“ – auch „Weiberbibel“ genannt – vorhanden. Die Mehrzahl der Bücher war für den täglichen Gebrauch gedacht.

Darüber hinaus befinden sich vier Handschriften in der Sammlung. Im „Schuldenbuch“ des Abraham ben Nathan Goldberg und Lazi Wertheimer wurden minutiös Schulden und Kredite aus den Jahren 1771 bis 1855 vermerkt. Die „Aufrufung zur Tora“ verzeichnet über mehrere Jahre hinweg diejenigen, die am Sabbat aus der Tora vorlesen durften. Hinzu kommen zwei Schriftrollen aus Pergament aus dem 18./19. Jahrhundert: Eine Estherrolle (Cod. sm 469), aus der am Purim-Fest in der Synagoge die biblische Esther-Geschichte verlesen wurde, sowie das Fragment einer Torarolle (Cod. sm 468).

Ein Buch der Sammlung fällt aus dem Rahmen: eine hebräische Bibel, die ursprünglich einem Würzburger Studenten der katholischen Theologie gehörte (04/1 Sulz 52). Diese steht in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit den anderen Büchern und Handschriften.

Schadensbilder
UBEI: Judaica aus Sulzbuerg - Schadensbilder

Fast alle Bücher weisen Spuren von langer und intensiver Benutzung auf. Einige zeigen verschieden stark ausgeprägte Wasserschäden, die teilweise zu Schimmelbildung geführt haben, bei einigen fehlt die Buchdecke ganz oder teilweise. Viele haben bestoßene und abgeriebene Einbände, bei anderen sind die Blätter eingerissen, zum Teil haben sich Blätter gelöst. Daneben gibt es vor allem jüngere Bände, die relativ gut erhalten sind.

Insgesamt sind die Schadensbilder zu unspezifisch, um genauere Aussagen über die ursprünglichen Standorte der Bücher treffen zu können. Deutlich ist aber, dass es sich bei dem Konvolut nicht um einen über einen längeren Zeitraum geschlossen aufgestellten Bestand oder um Bände aus der Sulzbürger Genisa handeln kann.

Spuren von Gewaltanwendung weist keiner der Bände auf. Sie haben typische altersbedingte Schäden, die zum Teil durch ungünstige Aufbewahrungsbedingungen verstärkt wurden. Eine Ausnahme bildet die erwähnte Torarolle, die augenscheinlich zerrissen wurde. Möglicherweise geschah dies im Rahmen der Schändung der Sulzbürger Synagoge im Zuge der Reichspogromnacht im November 1938.

Handschriftliche Einträge
UBEI: Sulzbürg

Viele der Bücher enthalten handschriftliche Einträge, teils in hebräischer und jiddischer, teils in deutscher Sprache. 26 der 52 Bände weisen handschriftliche Eintragungen in hebräischer Druck- und Schreibschrift auf, 35 Bände in deutscher bzw. lateinischer Schrift. Von den hebräischen Einträgen konnten bislang etwa zwei Drittel entziffert und übersetzt werden.

Der Inhalt der Einträge differiert: mitunter handelt es sich erkennbar um Schreibübungen von Schülern oder um simple Rechenaufgaben. Daneben finden sich Bibelzitate und allgemeine Merksätze. Andere Einträge verraten etwas über die ehemaligen Besitzer und deren familiäres Umfeld. In mehreren Fällen finden sich Geburtsanzeigen oder sogenannte „Jahrzeiteinträge“, also Memorialeinträge zum Todestag von Personen.

Von besonderer Bedeutung sind die Besitzeinträge: von den 33 Bänden, in denen sich Namen von Vorbesitzern eindeutig identifizieren lassen, enthalten 25 nur jeweils einen Namen, 8 dagegen zwei und mehr. Die Besitzeinträge sind nur teilweise mit einem Datum versehen, wobei die datierten den Zeitraum von 1738 bis 1926 abdecken. Es fällt auf, dass unter den Besitzern verschiedene Familiennamen mehrfach vorkommen: Kahn, Löw, Neustädter, Sondhelm, Wertheimer, Wolf und insbesondere Regensburger. Neben den handschriftlichen Einträgen finden sich auch Namensstempel. Andere Stempel oder sonstige Eintragungen, die auf einen irgendwie gearteten institutionellen Besitz hindeuten würden, kommen dagegen nicht vor.

Archivbefunde

Um die Entstehung des Konvoluts und die Herkunft seiner Teile zu klären, wurde nach archivalischen Quellen gesucht sowie die vorhandene Literatur zur Geschichte der Sulzbürger Juden ausgewertet. Leider bleiben auch weiterhin viele Fragen ungeklärt.

Aus einer Meldung des Landratsamts Neumarkt/Oberpfalz vom Juni 1942 geht hervor, dass sich in der alten Sulzbürger Synagoge „30–40 alte hebräische Folianten“ befunden haben, die für die Gestapo Regensburg beschlagnahmt seien. Ein noch während des Kriegs geplanter Abtransport der konfiszierten Bände nach Amberg fand offenbar nie statt. Dennoch waren sie 1953 in Sulzbürg nicht mehr auffindbar, als sich das Staatsarchiv Amberg nach dem Verbleib dieser Bücher erkundigte. Es könnte sein, dass diese bis zum Kriegsende in Sulzbürg verblieben sind. Es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie etwa nach Neumarkt verbracht wurden und dort der Bombardierung der Stadt zum Opfer fielen.

In der eher spärlichen Korrespondenz aus der Nachkriegszeit zwischen der Gemeinde Sulzbürg, dem Staatsarchiv in Amberg und anderen Stellen ist zwar verschiedentlich von jüdischem Schriftgut, aber nicht konkret von Büchern die Rede. Auch zur Sammlungstätigkeit von Pfarrer Meißner haben sich keine Dokumente gefunden, die Hinweise darauf geben würden, wie, in welchem Zeitraum und unter welchen Umständen der Bestand von ihm zusammengetragen wurde.

Bis heute können die Fragen zum Judaica-Bestand und seiner Herkunft nicht abschließend geklärt werden. Handelt es sich zumindest bei einem Teil der Bücher um diejenigen, die von der Gestapo 1942 beschlagnahmt wurden und in der alten Synagoge verblieben? Oder stammt ein größerer Teil der Sammlung aus dem Haus des vorletzten Vorstehers der jüdischen Gemeinde Sulzbürg, Emanuel Regensburger?

Synagoge?
UBEI: Sulzbürg

Nachgewiesenermaßen befanden sich noch Anfang Juni 1942 „30–40 Folianten“ in der ehemaligen Synagoge, die im Zusammenhang mit der Pogromnacht im November 1938 geschändet worden war. Dennoch wohnte in diesem Gebäude auch noch nach 1938 bis 1942 Wolf Grünebaum, der letzte Gemeindevorsteher (Parnass/Barnos) von Sulzbürg. Da die erwähnten „Folianten“ für die Gestapo beschlagnahmt waren, ist kaum vorstellbar, dass sie in der Obhut von Wolf Grünebaum belassen wurden. Sie müssten in einem Raum untergebracht gewesen sein, der dem „Barnos“ nicht zugänglich war. Schon bald nach der Deportation der letzten Juden kaufte die Handelsfrau Maria Mies die ehemalige Synagoge. Obwohl der Kauf erst Monate später rechtsgültig wurde, begann man bereits im August 1942 mit Umbauarbeiten, um aus der Synagoge ein Wohn- und Geschäftshaus zu machen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, so kann man vermuten, dürften die „Folianten“ aus der Synagoge entfernt worden sein, weil sie beim Umbau störten. Eine Entfernung müsste auch im Sinne der Gemeinde gewesen sein, die immer noch mit der Abholung der Bücher durch die Gestapo rechnen musste.

Unter diesen Voraussetzungen erscheint ein Zusammenhang zwischen den mehrfach erwähnten „Folianten“ und dem heute in der UBEI aufbewahrten Konvolut zwar nicht sehr wahrscheinlich, liegt aber dennoch im Bereich des Möglichen. Dass es sich in ihrer Gesamtheit um Bücher handelt, die sich in der Genisa der Synagoge befanden und erst beim Umbau des Dachgeschosses im Jahr 1944 entdeckt wurden, ist aufgrund ihres unterschiedlichen Erhaltungszustands auszuschließen.

Haus Sulzbürg Nr. 75?

Wahrscheinlicher ist, dass ein nicht unerheblicher Teil der Sammlung aus dem Haus von Emanuel Regensburger stammt (Sulzbürg Nr. 75). Auffällig häufig finden sich Besitzeinträge aus dem Umfeld der Familie Regensburger und deren Verwandtschaft. Möglicherweise handelt es sich um eine in erster Linie familiär oder privat motivierte Sammlung von Büchern. Emanuel Regensburger war bis 1931 Gemeindevorsteher. Inwieweit er schon in dieser Zeit Bücher von ab- oder auswandernden Familien übernahm, bleibt Spekulation. Unter den sich sukzessive erschwerenden Umständen seit den Nürnberger Rassegesetzen 1935 und vor allem nach 1938 wäre eine solche Sammlungstätigkeit für Emanuel Regensburger zumindest leichter möglich gewesen, als für seinen Nachfolger Wolf Grünebaum, der als offizieller Vertreter der Sulzbürger Judengemeinde vermutlich verstärkt unter Beobachtung der Behörden stand. Darüber hinaus wurde das Haus von Emanuel Regensburger zum sogenannten „Judenhaus“, in dem 1942 die letzten noch am Ort befindlichen Juden konzentriert wurden – somit war es das einzige Haus in Sulzbürg, das bis zur Deportation von Juden bewohnt wurde.

Welche und wie viele Bücher und Handschriften sich gegebenenfalls Ende Mai 1942 im Haus von Emanuel Regensburger befunden haben, bleibt offen, zumal ein einigermaßen gesicherter Bezug zur Familie Regensburger und deren Verwandtschaft nur bei etwa der Hälfte der Bücher gegeben ist.

Weder dieser noch der vorangegangene Deutungsansatz kann hinreichend erklären, wie es zur heute vorhandenen Zahl von 52 Bänden und vier Handschriften gekommen ist. Es liegt daher nahe anzunehmen, dass der jetzt in der Universitätsbibliothek aufbewahrte Bestand nicht schon als in sich geschlossenes Konvolut in die Hände von Pfarrer Meißner kam, sondern eher als Ergebnis der Sammlungstätigkeit des Geistlichen betrachtet werden muss. Dafür spricht auch das Vorhandensein der „Biblia Hebraica“ aus dem Besitz des Würzburger Theologiestudenten Benedikt Hasenstab die keinerlei Berührungspunkte zu den übrigen Judaica aufweist.

Fazit

Viele Details zu den Judaica aus Sulzbürg in der Universitätsbibliothek können bislang nicht geklärt werden: Wo wurden die Bücher aufbewahrt, bevor sie zu Pfarrer Meißner gekommen sind? Wie und wann kamen sie zu Pfarrer Meißner? Und: Wer waren ihre letzten Besitzer?

Dennoch können viele der Personen identifiziert werden, die sich als Besitzer in die Bücher eingetragen haben. Viele Namen weisen auf Personen, die vor 1933 verstarben oder die Sulzbürg bereits vor 1933 verlassen hatten; in wessen Besitz die Bücher anschließend verblieben, ist unbekannt. Der Verdacht, dass es sich bei diesen Büchern um NS-Raubgut handelt, liegt nahe, kann gegenwärtig aber weder untermauert noch zerstreut werden. Einige Besitzer hingegen – Emanuel Regensburger, seine Frau Karolina und ihr Sohn Karl sowie der letzte Gemeindevorsteher Wolf Grünebaum – lebten während der nationalsozialistischen Herrschaft in Sulzbürg und wurden zusammen mit anderen von den Nationalsozialisten deportiert. Die Bücher, die diesen gehörten, sind eindeutig als NS-Raubgut zu klassifizieren. Ein wenig anders gelagert ist der Fall Flora Kahn (verh. Löwenstein). Ihrer Familie gelang es noch nach der Machtübernahme durch die NSDAP, nach Palästina auszuwandern. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass das aus ihrem Besitz stammende Buch nicht freiwillig zurückgelassen wurde und folglich ebenfalls als Raubgut einzustufen ist.

Die Universitätsbibliothek und das Bischöfliche Seminar sind um größtmögliche Transparenz bemüht. Der Bestand ist vollständig erschlossen und kann über den elektronischen Katalog recherchiert werden. Die ermittelbaren Provenienzen sind hier jeweils vermerkt. Der Übersichtlichkeit halber gibt es zudem eine Liste, in der die früheren Besitzer der Bücher aufgeführt werden. Alle Bücher wurden digitalisiert und sind vollständig einsehbar. Künftig werden zudem sämtliche Transkriptionen und Übersetzungen der handschriftlichen Einträge einsehbar sein. Ergänzt werden diese Informationen sukzessive um kurze Biographien der bekannten ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer der Bücher. Darüber hinaus werden alle Bücher des Konvoluts in die Datenbank LostArt eingetragen. Nachkommen der ehemaligen Besitzer sind eingeladen, sich bei der Universitätsbibliothek zu melden, wenn Interesse an einer Restitution besteht.

Weitere Nachforschungen und Hinweise, insbesondere biographischer Natur sind ausdrücklich erwünscht. Eventuell notwendige Korrekturen sowie Vorschläge zu Entzifferungen und Transkriptionen werden gerne entgegengenommen.

Weitere Informationen

 

Dieses Projekt wurde gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.