Judaica aus Sulzbürg | Sammlungen der Universitätsbibliothek Eichstätt-Ingolstadt

Judaica aus Sulzbürg

Seit über 35 Jahren verwahrt die UB Eichstätt in der Abteilung „Historische Bestände“ eine Sammlung von 52 hebräischen Drucken und vier Handschriften, die größtenteils aus der 1942 ausgelöschten jüdischen Gemeinde des kleinen oberpfälzischen Ortes Sulzbürg stammen. Dort gelangten sie wohl irgendwann nach Kriegsende in die Hände des katholischen Ortsgeistlichen Heinrich Meißner, der in Sulzbürg ab 1944 vier Jahrzehnte lang tätig war. Von Meißner kam die Sammlung über Prof. Andreas Bauch in das Priesterseminar Eichstätt, in dessen Besitz sie sich bis heute befindet.

Vieles an der Sammlung gibt Rätsel auf. Ein Kurzprojekt, das durch das finanzielle Engagement des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste ermöglicht wurde, hat versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Bis heute aber ist weder klar, wann genau, noch aus welchen Quellen Meißner die Sammlung zusammenstellte; ob die Bücher freiwillig oder unter Zwang ihren Besitzer wechselten; und vor allem, wem sie zuletzt gehörten. Mehrheitlich handelt es sich um jüdische liturgische Bücher in hebräischer Sprache aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Zahlreiche deutsche, hebräische und jiddische Einträge in deutscher und hebräischer Druck- und Schreibschrift geben Auskunft über frühere Besitzer sowie vereinzelt auch über Details der Schicksale der früheren Eigentümer. Ein bedeutender Teil der Einträge konnte entziffert und übersetzt werden. Viele Details jedoch bleiben noch strittig. Bei mehreren Werken besteht der dringende Verdacht, dass es sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handelt: Ihre Besitzer gehörten zu den letzten Juden Sulzbürgs und wurden von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet.

Das Eichstätter Priesterseminar und die Universitätsbibliothek sind um größtmögliche Transparenz bemüht und stellen die Sammlung der Öffentlichkeit vor. Die Werke wurden digitalisiert und können elektronisch eingesehen werden. Das gilt in Kürze auch für die angefertigten Transkriptionen und Übersetzungen der handschriftlichen Einträge. Darüber hinaus werden künftig kurze Biographien ehemaliger Besitzer aus dem 20. Jahrhundert geboten, um diejenigen zu würdigen, denen die Bücher einst gehörten. Damit stehen diese Materialien der Forschung, allen an der jüdischen Geschichte Sulzbürgs Interessierten und nicht zuletzt den Nachkommen ehemals in Sulzbürg beheimateter jüdischer Familien online zur Verfügung.

Die Sammlung „Judaica aus Sulzbürg“ lässt noch viele Fragen offen. Weitere Nachforschungen biographischer Natur, sowie Hinweise und Lösungsvorschläge zu Detailfragen (z.B. im Hinblick auf die Entzifferung und/oder Transkription bislang unleserlicher Stellen) sind jederzeit willkommen.

Alle Bände einschließlich ihrer Provenienzen sind im elektronischen Katalog der Universitätsbibliothek nachgewiesen.