Prof. Dr. Friederike Reents
Unter dem Eindruck der manifesten globalen Umweltkrise als einem allseits spürbaren großen Umbruch ging es in dem von mir initiierten Heidelberger Thematic Research Network Umwelten – Umbrüche – Umdenken um das Verstehen von zeitlich und regional unterschiedlichen Beschreibungen katastrophischer Situationen. Aus der engen Zusammenarbeit mit dem Rachel Carson Center München ist u.a. das Käte Hamburger Kolleg Center für Apocalyptic and Postapocalyptic Studies in Heidelberg entstanden. An diese Arbeiten und Netzwerke anknüpfend möchte ich nun in Eichstätt die daran anschließenden und darauf aufbauenden Projekte Bodenkunden (Soil Studies) und Blue Humanities (Water Studies) ansiedeln, um geisteswissenschaftliche Diskurse zu umweltwissenschaftlichen Problemen in den Dialog mit den Natur- und Sozialwissenschaften einzubringen und so eine neue Diskursebene zu entwickeln, die einen transkulturell ausgerichteten, historisch informierten, transformativen Blick auf sich wandelnde und bedrohte Umwelten erlaubt, der auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden sollte. Die Forschungsprojekte nehmen von den Wechselverhältnissen Mensch-Mensch, Mensch-Maschine und Mensch-Umwelt vor allem den Bereich Mensch-Umwelt in den Blick und machen es sich zur Aufgabe, diesen in Frage zu stellen und zu zeigen, wo und wie sich gerade aus Umbruchsituationen neue Räume für Kreativität, neue Erzählmodelle und damit verbunden alternative kulturelle Praktiken eröffnen. Es sind diese Denkräume, die neue Wege in die Zukunft ebnen, ja Zukunft überhaupt erst möglich machen, und die im inter- und transdisziplinären Dialog in den in den Fokus rücken sollen. Das Projekt Umwelten – Umbrüche – Umdenken nimmt insofern das Thema „Dialogkulturen“ auf, als es den wissenschaftlichen Austausch nicht nur über Fachgrenzen, sondern auch über Zeiten, Räume und Materialien hinweg sucht. Hierbei geht es auch immer um die dialogische Wechselwirkung zwischen menschlichen (Sprech-)Akten und nichtmenschlichen (Re-)Aktionen auf diese.
Obwohl Ozeane zwei Drittel der Erdoberfläche bedecken, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Küstennähe lebt und der Mensch zu etwa 60 % aus Wasser besteht, ist unser Wissen über Wasser nach wie vor begrenzt. Zwar gibt es eine Fülle von kulturellen Überlieferungen, doch werden diese oft getrennt von wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Innovationen betrachtet. Diese Kluft betrifft nicht nur das Salzwasser der Ozeane, sondern auch die viel geringeren Mengen an Süßwasser und Trinkwasser. Aufgrund zunehmender Knappheit und Privatisierungsbestrebungen droht Wasser, wie Axel Goodbody 2008 prognostizierte, zum „Öl des 21. Jahrhunderts” zu werden.
Das Verständnis von Wasser hat tiefe Wurzeln in alten Mythen und religiösen Traditionen sowie im daran wachsenden Interesse der bildenden Kunst und Literatur. Wasser wird als Symbol des Lebens, aber auch des Todes und der Gefahr, der Verwandlung, der Reinigung, der Erneuerung und immer wieder als Kraft des Schicksals und der Natur dargestellt. Die Vielfalt der Darstellungen von Wasser in der Kunst zeigt, dass sozio-historische Einteilungen in ein „kosmologisches”, ein „christliches” und ein „wissenschaftliches” Zeitalter viel zu kurz greifen, um dieses Phänomen zu erfassen. Um es in seiner ganzen Komplexität zu begreifen, reichen (wissenschaftliche und technische) Messungen und Tests nicht aus. Vielmehr müssen die Art und Weise, wie wir über Wasser denken und schreiben, überdacht werden. Dies ist das Ziel transdisziplinärer und transkultureller Wasserstudien: einen Dialog zwischen Tradition und Moderne zu schaffen, Verbindungen herzustellen und durch das Überschreiten von Grenzen neues – man könnte sagen: blaues – Wissen zu gewinnen. Dies veranlasste Steven Mentz dazu, den Begriff ‚Blue Humanities‘ für dieses aufstrebende Fachgebiet zu prägen.
Das Projekt zielt darauf, Water Studies bzw. die Blue Humanities im deutschsprachigen Raum zu etablieren, neue Schwerpunkte zu setzen und Perspektiven zu finden, die auf gegenwärtige Risiken und Gefahren reagieren. Es betrachtet das Thema „Wasser“ zunächst vor allem aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, soll in Zukunft aber durch natur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven ergänzt werden. Ein besonderer Fokus liegt zum jetzigen Zeitpunkt und dank des Oceanic turns auf der Schnittstelle zwischen der Exilforschung und den Blue Humanities, insofern als dem Meer als zu überwindendem räumlichem Hindernis bzw. als Transitzone und den dadurch entstehenden Seewegen im Zuge von Flucht und Migration eine besondere Bedeutung zukommt. Zur Zeit ist ein Netzwerk zur Exilforschung im Aufbau, innerhalb der KU wird eine Kooperation mit dem Zentrum für Flucht und Migration angestrebt.