Prof. Dr. Friederike Reents
Unter dem Eindruck der manifesten globalen Umweltkrise als einem allseits spürbaren großen Umbruch ging es in dem von mir initiierten Heidelberger Thematic Research Network Umwelten – Umbrüche – Umdenken um das Verstehen von zeitlich und regional unterschiedlichen Beschreibungen katastrophischer Situationen. Aus der engen Zusammenarbeit mit dem Rachel Carson Center München ist u.a. das Käte Hamburger Kolleg Center für Apocalyptic and Postapocalyptic Studies in Heidelberg entstanden. An diese Arbeiten und Netzwerke anknüpfend möchte ich nun in Eichstätt die daran anschließenden und darauf aufbauenden Projekte Bodenkunden (Soil Studies) und Blue Humanities (Water Studies) ansiedeln, um geisteswissenschaftliche Diskurse zu umweltwissenschaftlichen Problemen in den Dialog mit den Natur- und Sozialwissenschaften einzubringen und so eine neue Diskursebene zu entwickeln, die einen transkulturell ausgerichteten, historisch informierten, transformativen Blick auf sich wandelnde und bedrohte Umwelten erlaubt, der auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden sollte. Die Forschungsprojekte nehmen von den Wechselverhältnissen Mensch-Mensch, Mensch-Maschine und Mensch-Umwelt vor allem den Bereich Mensch-Umwelt in den Blick und machen es sich zur Aufgabe, diesen in Frage zu stellen und zu zeigen, wo und wie sich gerade aus Umbruchsituationen neue Räume für Kreativität, neue Erzählmodelle und damit verbunden alternative kulturelle Praktiken eröffnen. Es sind diese Denkräume, die neue Wege in die Zukunft ebnen, ja Zukunft überhaupt erst möglich machen, und die im inter- und transdisziplinären Dialog in den in den Fokus rücken sollen. Das Projekt Umwelten – Umbrüche – Umdenken nimmt insofern das Thema „Dialogkulturen“ auf, als es den wissenschaftlichen Austausch nicht nur über Fachgrenzen, sondern auch über Zeiten, Räume und Materialien hinweg sucht. Hierbei geht es auch immer um die dialogische Wechselwirkung zwischen menschlichen (Sprech-)Akten und nichtmenschlichen (Re-)Aktionen auf diese.
Mit dem Eintritt in das anthropozäne Zeitalter wird der fruchtbare Boden zu einer immer knapperen, jedoch weiterhin lebenswichtigen Ressource, die neben Wissen, Arbeit und Kapital zu den existenziellen Produktionsfaktoren nachhaltig funktionsfähiger Gesellschaften gehört. Unter den neun Kategorien des Planetary Boundary Frameworks sucht man jedoch vergeblich nach dem Boden, auch wenn Nährstoffverlust, Überdüngung und Erosion die landwirtschaftlich nutzbaren Böden weltweit bedrohen. Als eine besondere Form lebendiger Böden tragen etwa Moore durch ihre Möglichkeit, in großem Maße CO2 zu binden, in beachtlichem Maße zum Klimaschutz bei. Während die technisch und naturwissenschaftlich geprägten Bodenstudien sowie Wirtschaft und Politik die Bedeutung von Böden und Erden schon seit Jahrzehnten im Blick haben, ist es eine bislang noch nicht eingelöste Aufgabe der Kulturwissenschaften, nachzuvollziehen, wie sich das Mensch-Boden-Verhältnis in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt hat und welche kulturellen Vorstellungen und sozialen Praktiken sich damit gegenwärtig und künftig verbinden.
Grundannahme des Projekts ist, dass der Umgang mit Böden und Erden nicht allein durch ökonomische und politische Überlegungen motiviert wird bzw. werden sollte, sondern auch durch kulturell geprägte Wertzuschreibungen und Praktiken, wie etwa das Terraforming. Hieran knüpft sich die grundsätzliche Frage, an welchen Punkten mentalitätsgeschichtliche Formationen dem nachhaltigen Handeln entgegenstehen und wie damit in Zukunft umgegangen werden kann. Das Projekt ist Teil eines Netzwerks, das sich mit Böden und Erden befasst und in Kooperation mit der Stiftung Natur und Kultur in Nantesbuch entsteht. Beteiligt sind Jun.-Prof. Dr. Joana van de Löcht (Münster), Prof. Dr. Boris Previšić (Luzern), Dr. Mario Grizelj (München) und innerhalb der KU Kooperationen mit dem Graduiertenkolleg Practicing Place anstrebt. In Vorbereitung ist ein Themenschwerpunkt zum Thema „Böden“ beim Matthes & Seitz Verlag.