40 Jahre Forschung im Dialog: Wie das ZILAS Lateinamerika nach Eichstätt brachte

Das Zentralinstitut für Lateinamerikastudien (ZILAS) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) besteht in diesem Sommer seit 40 Jahren. Das Jubiläum wurde nun mit einem ganzen Festtag in Eichstätt gefeiert. Zur feierlichen Eröffnung sang das lateinamerikanische Frauentrio „Voces Latinas“ das Lied „Hoy“ mit dem markanten Refrain „todo cambia“ – alles verändert sich. Ein Satz, der die Geschichte des ZILAS treffend beschreibt. Seit seiner Gründung 1986 hat sich das Institut immer wieder gewandelt. Verschiedene Themen, Partner und Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben das Institut geprägt. Konstant geblieben ist dabei sein Kernanliegen: die interdisziplinäre Forschung über und mit Lateinamerika.

Die Geschichte des ZILAS reicht zurück bis in die Anfangsjahre der Universität. Nach mehreren Jahren der Vorüberlegungen nahm das Institut 1986 unter Gründungsdirektor Prof. Dr. Karl Kohut seine Arbeit auf. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte es sich zu einer der prägenden wissenschaftlichen Einrichtungen der Universität und in der nationalen wie internationalen Lateinamerikaforschung zu einer festen Größe. Das ZILAS koordiniert an der KU den Bachelorstudiengang Lateinamerikastudien und den deutsch-kolumbianischen Masterstudiengang „Conflict, Memory and Peace“, forscht zu vielfältigen Feldern, pflegt ein breites Netzwerk und engagiert sich mit Film- und Vorlesungsreihen im Wissenstransfer.

Die besondere Relevanz des ZILAS betonte KU-Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Stüwe in seinem Grußwort am Jubiläumstag: „Lateinamerika dauerhaft ins Zentrum unseres wissenschaftlichen Interesses zu rücken, war damals eine mutige Entscheidung. Heute können wir sagen: Es war auch eine kluge!“ Das ZILAS verkörpere die interdisziplinäre Erforschung eines Kontinents und passe damit in besonderer Weise zum Profil der KU. Als ihre älteste bis heute bestehende Forschungseinrichtung habe es die Entwicklung der Universität maßgeblich mitgeprägt – und das wünsche sich die Hochschulleitung auch weiterhin: „In einer Welt, in der Demokratien unter Druck geraten, Migration und Klimawandel prägende Phänomen sind, die Frage sozialer Gerechtigkeit drängender denn je ist, in dieser Zeit braucht es Institutionen wie das ZILAS.“ 

Prof. em. Dr. Hans-Joachim König, Direktor des ZILAS von 1988 bis 2006
Prof. em. Dr. Hans-Joachim König, Direktor des ZILAS von 1988 bis 2006

Die Ursprünge des Instituts liegen in einer Zeit, als Hochschulen verstärkt über globale Verantwortung und die Rolle der sogenannten Dritten Welt in Forschung und Lehre diskutierten. Der spätere langjährige ZILAS-Direktor Prof. em. Dr. Hans-Joachim König erinnerte daran, wie Karl Kohut in den 1980er Jahren die Idee eines interdisziplinären Lateinamerikainstituts vorantrieb. 1985 beschloss der Senat schließlich die Einrichtung eines Zentralinstituts. Von Beginn an sollte es Forschende verschiedener Disziplinen zusammenbringen. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, die 1988 einen Lehrstuhl für Geschichte Lateinamerikas einrichtete, den König übernahm. Zugleich wurde er Ko-Direktor des ZILAS. Bis zu Kohuts Ruhestand 2004 bildeten der Historiker und der Romanist ein erfolgreiches Tandem. Nicht nur das Modell der Doppelspitze blieb bis heute erhalten, wie König in seinem Grußwort feststellte: „Mit großer Freude erkenne ich in Lehre und Forschung des ZILAS, dass die Grundhaltung des Dialogs geblieben ist und sich in den letzten Jahrzehnten weiter vertieft hat.“

Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Rinke (FU Berlin)
Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Rinke (FU Berlin)

Das unterstrich auch die aktuelle Ko-Direktorin, Historikerin Prof. Dr. Nina Schneider, in ihrer Rede: „Das ZILAS steht für Forschen und Lernen im Austausch und das in beide Richtungen.“ Es gehe darum, gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern in Lateinamerika Perspektiven zu entwickeln, gesellschaftliche Herausforderungen kritisch zu reflektieren und selbst immer neu dazuzulernen. Prof. Dr. Miriam Lay Brander, Romanistin und ebenfalls Ko-Direktorin des ZILAS, richtete sich direkt an die ehemaligen Direktoren und sagte: „Ihnen gilt mein Dank für die Pfade durch teils unwegsames Gelände, für Strukturen und Netzwerke, die sie aufgebaut haben und an die wir heute anknüpfen, die wir konsolidieren und erweitern.“

Welche Bedeutung das ZILAS weit über die KU hinaus besitzt, wurde bei der Jubiläumsfeier durch die zahlreichen nationalen und internationalen Gäste sichtbar. Vertreterinnen und Vertreter des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD), der Hochschulrektorenkonferenz, des Bayerischen Hochschulzentrums für Lateinamerika (BAYLAT), der Bayerischen Forschungsallianz (BayFOR), des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin sowie lateinamerikanischen Partneruniversitäten waren nach Eichstätt gekommen. Sie stehen stellvertretend für ein internationales Netzwerk, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Heute kooperiert das Institut mit 48 Universitäten in Lateinamerika und versteht sich als Brücke zwischen Deutschland und dem Globalen Süden. 

„Das ZILAS ist eine Institution, die viel größer ist, als es ihre Maße vermuten lassen“, hob der Historiker Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Rinke von der Freien Universität Berlin hervor, der an der KU promovierte und habilitierte. Die KU zeige, dass ein kleiner Ort ein großes Fenster zur Welt öffnen könne. Das ZILAS sei neben Berlin das einzige interdisziplinäre Lateinamerikainstitut im deutschsprachigen Raum. Daher komme ihm eine besondere Rolle zu. „Lateinamerika lässt sich nicht aus einer Disziplin heraus verstehen, man muss Verflechtungen sehen können“, sagte Rinke. „Das ZILAS hat für diese Art des Denkens einen Raum geschaffen.“ In seiner Ausrichtung sei das Institut für ihn ein wichtiges Vorbild: „Wir feiern heute auch eine Haltung: Die Überzeugung, dass Lateinamerika Aufmerksamkeit verdient und interdisziplinäres Denken mehr ist als eine Mode.“

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion

Die Auseinandersetzung mit Lateinamerika stand entsprechend auch im Fokus des Jubiläumstages. Unter dem Titel „Lateinamerikastudien in Zeiten des Umbruchs“ fand am Nachmittag das siebte Maximilian-Bickhoff-Kolloquium statt. Die Keynote hielt Prof. Dr. Barbara Göbel, Direktorin des Ibero-Amerikanischen Instituts und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF). In einer anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaftsförderung, Hochschulpolitik und Forschung über die Zukunft der Lateinamerikastudien angesichts globaler Herausforderungen wie gesellschaftliche Polarisierung, Klimawandel, Migration und geopolitische Umbrüche. Weiterer Programmpunkt des Jubiläumstags war die Eröffnung der Ausstellung „Forschung im Dialog: 40 Jahre Lateinamerikastudien in Eichstätt“, die ab sofort im Foyer der Zentralbibliothek zu sehen ist, sowie ein Alumni-Treffen unter dem Titel „Generationen im Dialog“.