Laufzeit: 1. Oktober 2026 – 28. Februar 2028 (17 Monate)
Förderung: Forschungsstipendium der Gerda Henkel Stiftung
Stipendiat: David Hünlich, PhD; Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft
Nach der Gründung der Vereinigten Staaten erlebte das Land im 19. Jahrhundert eine rasante Expansion in Territorium und Bevölkerungszahl. Massive Einwanderung aus Europa war für die Kolonisation des amerikanischen Westens ausschlaggebend. Die Forschung ging lange davon aus, dass sich die Alleinstellungsmerkmale europäischer Einwanderergruppen in den USA – etwa beim Spracherhalt, Heiratsverhalten oder Einkommen – im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend nivellierten.
Gleichzeitig zeigte die Einführung der Zensusfrage zur „Herkunft“ ab dem Jahr 1980, dass Millionen von Amerikanern weiterhin eine spezifische europäische Herkunft angeben, wenn man sie dazu auffordert. Das vorliegende Projekt untersucht eine nachweisbare Verbindung zwischen deutscher Abstammung und bestimmten beruflichen Milieus im 20. Jahrhundert: Gerade im Mittleren Westen und in Texas gibt es auffällige Häufungen der Herkunftsangabe „German“ im Bereich der Landwirtschaft und in der industriellen Fertigung. Diese Häufungen kursierten bereits im 19. Jh. als Stereotype der deutschamerikanischen Kolonisten - was interessanterweise aber nicht der gesellschaftlichen Realität entsprach. Deutschsprachige Siedler waren in der Landwirtschaft unterrepräsentiert; Handwerker und Unternehmer befanden sich vor allem in den Städten, nicht auf dem Land.
Wie verschob sich das Gewicht von städtisch geprägten „German Americans“ zu ländlichen Amerikanern mit deutschen Wurzeln? Wie kommt es, dass sich in ländlichen Gemeinden Familienunternehmen mit deutscher Einwanderungsgeschichte bis heute halten können, obwohl die Ursprünge deutschamerikanischen Unternehmertums eher in den Städten lagen? Wie wandelte sich die deutschamerikanische Identität im Verlauf des 20. Jahrhunderts?
Diesen Fragen widmet sich das Projekt in einer Monographie zu den langfristigen Auswirkungen von Migration auf berufliche Milieus und kollektive Identitäten. Es verbindet die Analyse historischer US-Volkszählungsdaten (1880–2000) mit Interviews und ethnographischen Fallstudien in Gemeinden der Vereinigten Staaten, deren Bevölkerung sich bis heute auf eine deutsche Einwanderungsgeschichte beruft. Im Mittelpunkt steht, wie sich Sprache, Herkunft, berufliche Spezialisierung und ethnische Selbstzuschreibung als Ausdrucksformen von Identität über Generationen gegenseitig beeinflussten.
Das Projekt verfolgt zwei methodisch aufeinander bezogene Zielsetzungen. Auf quantitativer Ebene wird anhand historischer Zensusdaten (1880–2000) rekonstruiert, wann und mithilfe welcher Merkmale (Geburtsort, Sprache, Herkunftsangabe) sich ein statistischer Zusammenhang zwischen Gruppenzugehörigkeit und bestimmten Berufen bzw. Wirtschaftszweigen herausbildete und wo dessen geografische Schwerpunkte liegen. Auf qualitativer Ebene wird in Interviews und ethnographischen Fallstudien untersucht, welche Bedeutung dieser Zusammenhang für Menschen in den betreffenden Gemeinden hat, welche wiederkehrenden Themen sich in ihren Erzählungen über Herkunft, berufliche Identität und Zugehörigkeit finden, und wie sich beide Perspektiven wechselseitig ergänzen.
Grundlage der quantitativen Analyse sind zwölf individuelle Stichproben aus IPUMS USA (Zensusjahre 1880–2000), die harmonisierte Berufs- und Branchenklassifikationen mit geografischen Angaben und Indikatoren „deutscher Herkunft“ (Geburtsort, Sprache, Abstammung) verknüpfen. Die qualitative Untersuchung stützt sich auf dreizehn transkribierte, leitfadengestützte Interviews sowie ethnographische Beobachtungen aus Feldaufenthalten 2021, 2022 und 2025 in ländlichen Gemeinden in Texas und dem Mittleren Westen – darunter die Amana Kolonien in Iowa sowie eine “Century Farm” in Texas. Die Auswertung erfolgt in einem iterativen, induktiven Kodierverfahren. Für kommenden Sommer (August 2027) ist eine weitere, vierwöchige Forschungsreise in die USA während der Projektlaufzeit vorgesehen.
An dieser Stelle werden im Projektverlauf fortlaufend Materialien ergänzt: Visualisierungen der quantitativen Analysen (u. a. Karten und Diagramme zur Entwicklung der beruflichen Milieus), Zwischenergebnisse aus der Interviewauswertung sowie Hinweise auf Vorträge und Publikationen.