"Die Lehrkräftebildung ist konsequent an Core Practices des Lehrberufs auszurichten." So lautet eine der zentralen Empfehlungen der Expertinnen- und
Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung in Bayern in ihrem wegweisenden Gutachten Lehrkräftebildung für das
21. Jahrhundert, das 2025 veröffentlich wurde. Mit dem Einbinden solcher zentralen Handlungsmuster bereits ins Studium und ihrer Aufwertung zum Strategierepertoire durch systematische, strukturierte Reflexion erhält die reflektierte, wissenschaftlich fundierte Praxis in der Lehrkräftebildung neues Gewicht.
Gleichzeitig stellt diese Forderung die am Lehramtsstudium beteiligten Disziplinen vor frische Herausforderungen und Fragen: Wie lässt sich diese Empfehlung in den Teilfächern der Germanistik im Lehramtsstudium ergiebig und sinnvoll umsetzen? Zwar lassen sich Core Practices teilweise auch als fächerübergreifende Handlungsmuster abstrahieren, aber zahlreiche zentrale Handlungsstrategien im Deutschunterricht sind untrennbar mit fachlichen Lerngegenständen und deren Besonderheiten verbunden: Das Modellieren von Lese- oder Schreibstrategien beispielsweise, das Modellieren von Erkundungsprozessen literarischer und medialer Bedeutungskonstitution, das Leiten von Unterrichtsgesprächen zu literarischen Gegenständen. Wie lassen sich Core Practices fachlich konkretisieren - und welche Aufträge gehen damit an die germanistische Fachdidaktik ebenso wie an die Fachwissenschaften einher?
Ein Workshop des Vereins Hochschulgermanistik von Bayern, organisiert vom Münchner Mediävisten Michael Waltenberger an der LMU, widmete sich am 16. September diesen und weitren Fragen zum Konzept der Core Practices. Nach einem Impulsvortrag der Freiburger Erziehungswissenschaftlerin Hadmud Hipp vertieften die Teilnehmenden die aufgeworfenen Fragen in einer interdisziplinären Podiumsdiskussion. Zum Panel zählten neben Hipp und Waltenberger auch der Linguist Oliver Schallert (Erlangen) sowie als Vertreter:innen der Deutschdidaktik Michael Veeh und Mirjam Burkard (LMU) sowie Cornelia Rémi von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
In ihrem Eröffnungsstatement hob Cornelia Rémi hervor, dass Core Practices in der bisherigen Forschung bei aller Wichtigkeit ihrer empirischen Fundierung keineswegs als starrer Katalog starrer Schemata definiert sind, sondern “Standardsituationen" der Unterrichtspraxis entsprechen, denen mit individuell zu entwickelnden und reflektierenden Best Practices zu begegnen ist. Die empirische Forschung der Fachdidaktiken und der Bildungswissenschaften kann im Sinne von Leitlinien dazu wesentliche Impulse liefern, authentisch praktizieren lassen sich die entsprechenden Handlungen aber nur adaptiert an die jeweils individuelle Lehrpersönlichkeit jeder Lehrkraft. Wesentlich für diesen Prozess ist deshalb das Schaffen von Situationen und Räumen im Studium, in denen die Studierenden ihr Repertoire solcher Handlungsmuster schrittweise und solide reflektiert ausbauen können.
Cornelia Rémi betonte abschließend auch die Rolle der Fachwissenschaften in diesem Prozess: Nicht nur in der Fachdidaktik Deutsch, auch in der Deutschen Sprachwissenschaft, der Älteren und Neueren Literaturwissenschaft seien die Lehrenden herausgefordert, eigene Core Practices transparent zu modellieren und beim Planen ihres Lehrangebots die Relevanz der jeweiligen Fachinhalte für die Studierenden aller Lehramtsstudiengänge mit zu bedenken. Insbesondere lud Rémi die Fachwissenschaften zu einer ressourcen- statt defizitorientierten Wahrnehmung der Lehramtsstudiengänge jenseits des gymnasialen Lehramts ein.