Die Kirchen verlieren Mitglieder. Gleichzeitig zeichnet sich ein anderer Trend ab: Immer mehr Erwachsene lassen sich taufen. Die Zahlen sind zwar bei weitem nicht so hoch wie die der Austritte – aber sie steigen.
Für Jan Schumann hat sich ein langgehegter Wunsch erfüllt: Er hat sich in der Osternacht taufen lassen. Er habe immer mal wieder "sowas wie eine höhere Instanz gespürt", sagt er im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. "Ich muss tatsächlich sagen, dass mich der Aufenthalt im katholischen Gottesdienst, die Ehrfurcht, möchte ich mal sagen, die die katholische Kirche vor Gott vermittelt, doch angesprochen hat."
Und so hat sich Jan Schumann im Alter von 34 Jahren taufen lassen – traditionell in der Osternacht.
164 Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren haben sich im vergangenen Jahr im Erzbistum München und Freising katholisch taufen lassen. Bundesweit waren es 2.650 Menschen – ein Drittel mehr als im Vorjahr. Sie haben sich im Erwachsenenalter bewusst entschieden und darauf vorbereitet, das Sakrament der Taufe zu empfangen und damit Mitglieder der katholischen Kirche zu werden.
Eine Bewegung auf Mikroebene
Die Eichstätter Pastoraltheologin Katharina Karl sieht dennoch keine "Umkehr von einer Säkularisierungstendenz". Sie spricht eher von Bewegungen auf einer Mikroebene, wo Menschen neugierig seien auf den Glauben.
Zusammen mit Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz war Katharina Karl in Frankreich unterwegs. Dort lassen sich aktuell noch mehr Erwachsene taufen als in Deutschland. Solche Entwicklungen habe es in der Kulturgeschichte immer wieder gegeben: Romantik und Aufklärung würden beispielsweise stark zusammenhängen. "Wenn etwas zu verkopft wird, dann braucht es wieder was, was stärker aus den Impulsen oder den Gefühlen lebt, und dann braucht es auch wieder den Moment der Reflexion darüber."
Dazu zeige sich aktuell auch manchmal der Wunsch nach einer Eindeutigkeit in der Weltordnung und Orientierung, auch die Faszination an traditionell geprägten Formen. "Aber da bin ich vorsichtig, da zu schnell mit Kategorisierungen zu arbeiten, weil das eben ein recht neues Phänomen ist."
Evangelische Kirche verzeichnet mehr Neueintritte als katholische
Die Zahlen der erwachsenen Neu-Getauften lagen 2025 in den bayerischen Bistümern zwischen 12 im Bistum Passau und 164 im Erzbistum München und Freising, insgesamt waren es rund 400 Menschen.
In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern haben sich im vergangenen Jahr 543 Frauen und Männer taufen lassen. Keine Massen, trotzdem ergeben sich für Pastoraltheologin Katharina Karl daraus Chancen und Aufgaben für die Kirchen. "Ich glaube, dass Menschen, die so frisch entzündet sind, vielleicht auch in manchen Momenten einen Realitätscheck und vielleicht auch Menschen brauchen, die in der Kirche eine längere Erfahrung haben, wo sich Dinge auch mal wieder geerdet haben."
Umgekehrt könnten frisch Getaufte auch neue Impulse setzen. Gemeinden müssten sich deshalb auch fragen, wie daraus ein Miteinander entstehen könne.
Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Glauben Zweifeln Leben am 30.08.2026 um 07:05 Uhr
von Simon Berninger