Traditionell donnerstagabends traf sich in den 1930er Jahren an der Universität Oxford eine Gruppe junger Intellektueller: In den Räumen von Clive Staples Lewis, damals Dozent in Oxford, kamen Schriftsteller und Forscher wie J.R.R. Tolkien und Charles Williams zusammen, um über Literatur, insbesondere eigene Werke und Entwürfe zu diskutieren. Im Kreis dieser „Inklings“, was sich mit „Tintenkleckser“ übersetzen lässt, wurde zum Beispiel das Manuskript des „Herr der Ringe“ vorgestellt und kritisiert. Im Laufe der Jahre erlangten einige der Mitglieder Weltruhm und ihre Werke wurden auch an deutschen Universitäten zum Lehr- und Forschungsgegenstand. Allerdings waren die nötigen Quellen damals nur schwer bis gar nicht zu finden.
Hier liegt der Ursprung des besonderen Archivs, das heute im Besitz der KU ist. 1983 gründete der Literaturwissenschaftler Gisbert Kranz in Aachen die „Inklings-Gesellschaft für Literatur und Ästhetik“, um eine Grundlage für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit englischsprachiger phantastischer Literatur zu schaffen. Dafür beschaffte er derart umfassend Primär- und Sekundärliteratur zu den Inklings, dass seine Privatbibliothek zu diesem Thema bald besser ausgestattet war als alle andere Bibliotheken Europas. Das Archiv von Kranz wurde zum zentralen Anlaufpunkt für Inklings-Forschende aus aller Welt. Kranz selbst blieb bis 1993 Präsident der Inklings-Gesellschaft und bis zu seinem Tod 2009 deren Ehrenpräsident. Mit rund 190 Mitgliedern besteht die Inklings-Gesellschaft bis heute und tauscht sich in jährlichen Symposien und einem Inklings-Jahrbuch aus.
Schon 1994 zog die Spezialbibliothek der Gesellschaft von Aachen nach Eichstätt, denn Gisbert Kranz schenkte der Universitätsbibliothek der KU den Großteil seiner Sammlung. Entstanden war der Kontakt über ein prominentes Mitglied der Inklings-Gesellschaft, den damaligen Eichstätter Universitätspräsidenten Prof. Dr. Nikolaus Lobkowicz.
Der gedruckte Katalog des Archivs, Stand 1999, umfasst mehr als 3800 Einträge, darunter rund 700 Bücher. „Damit niemand enttäuscht ist, der die Bestände sichtet: Es handelt sich vor allem um fachliche Auseinandersetzungen mit Tolkien, Lewis und anderen sowie deren Werken“, unterstreicht Johanna Bruns, Fachreferentin für Anglistik an der Universitätsbibliothek der KU. Immerhin aber sind auch 290 Handschriften, insbesondere Briefe von acht Mitgliedern der Inklings und diesen nahestehenden Personen im Bestand erhalten. Zudem hat die Universitätsbibliothek die Spezialbibliothek etwas erweitert, beispielsweise um eine limitierte Prachtausgabe des „Herrn der Ringe“. Auf diese Weise erfüllt die Bibliothek den Wunsch des Gönners Gisbert Kranz, der im Vorwort des Katalogs schreibt, er habe seine Inklings-Bibliothek der KU angeboten, damit diese „fortan professionell betreut und von allen bequemer benutzt werden kann“.
Neben der Spezialbibliothek verwahrt die KU auch das Archiv der Inklings-Gesellschaft. In 27 speziellen Archivkartons finden sich unter anderem Programme der Jahrestagungen, Korrespondenzen, Entwürfe für das Jahrbuch und Zeitungsausschnitte. Diese Materialien sind bislang nicht systematisch erschlossen. Die Bestände der Spezialbibliothek dagegen können über das Bibliothekssuchsystem OPAC und den gedruckten Katalog recherchiert und in den Räumlichkeiten der Bibliothek genutzt werden.
Text und Fotos: Petra Hemmelmann