Vater, Sohn und Heiliger Geist: Die Dreifaltigkeitsikonen der Torkirche des Kyjiver Höhlenklosters

Der Beitrag des Monats Juni aus der gemeinsamen Reihe "Ikone des Monats" der Platform Oosters Christendom und des Eastern Christian Studies Online Campus blickt auf die Dreifaltigkeitsdarstellungen der Torkirche des Kyjiver Höhlenklosters.

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In diesem Jahr feierten die meisten orthodoxen Gläubigen das „Fest der Heiligen Dreifaltigkeit“ am 31. Mai. Das Fest entspricht dem Pfingstfest im westlichen liturgischen Kalender und gehört zu den wichtigsten und zugleich theologisch anspruchsvollsten Festen des Kirchenjahres. Nach der Heiligen Schrift versammelten sich fünfzig Tage nach der Auferstehung Christi alle Jünger des Erlösers an einem Ort. Dort hörten sie ein Brausen vom Himmel und wurden anschließend Zeugen der Herabkunft des Heiligen Geistes. Die Dreifaltigkeit bezeichnet den einen Gott in drei Personen: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Nun hatten sich alle drei manifestiert. Durch die Herabkunft des Heiligen Geistes empfingen die zwölf Apostel die Gabe der Verkündigung und zogen in die ganze Welt hinaus, um das Wort Gottes zu verkünden (Apg 2,1–4).

Ikonen der Heiligen Dreifaltigkeit gehören zu den bekanntesten Darstellungen der ostchristlichen Welt. Die „Heilige Dreifaltigkeit“ von Andrei Rubljow aus dem 15. Jahrhundert, die vor Kurzem aus der Tretjakow-Galerie in die Dreifaltigkeits-Sergius-Lawra bei Moskau überführt wurde, gilt als das bekannteste Beispiel.

Dieses Hochfest, eines der zwölf großen Feste des Kirchenjahres, fällt auf den Beginn des Sommers. Die damit verbundenen Festtage werden in der Volksüberlieferung auch als „Grüne Feiertage“ bezeichnet. An diesem Tag werden die Kirchen in vielen Regionen mit grünen Zweigen und Blumen geschmückt, die bei den Ikonen, auf dem Boden und auf den Fensterbänken – überall, wo es möglich ist – ausgelegt werden.

Torkirche
© Sergiy Klymenko Die Torkirche des Kyjiver Höhlenklosters

Zu den eindrucksvollsten Kirchen, die diesem Fest geweiht sind, zählt die Dreifaltigkeits-Torkirche des Höhlenklosters (Petschersk Lavra) in Kyjiv  (Ukraine). Sie hat eigentlich ihre ursprüngliche architektonische Gestalt aus der Zeit der Kyjiver Rus’ bewahrt: Die Kirche wurde zwischen 1106 und 1108 erbaut und überstand sogar den Mongolensturm des 13. Jahrhunderts. Über Jahrhunderte hinweg begann für jeden Pilger der Weg in die Kyjiver Petschersk Lavra mit dieser Kirche, deren Name wörtlich „Kirche über dem Tor“ bedeutet. 

Später aber kam hinzu, was inzwischen als der „Kyjiver Barock“ bekannt ist und was auch für die Verbindung des Höhlenklosters mit der europäischen Kultur der Zeit steht. Die Geschichte der Lavra und der Torkirche ist auch eng mit der politischen und kirchlichen Geschichte der ukrainischen Gebiete unter verschiedenen Herrschaften verbunden. So gehörte der ukrainische Kosaken-Führer (Hetman) Iwan Masepa (1639-1709) zu den Initiatoren der Erneuerung der Kirche im Barockstil an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert; ein mutmaßliches Porträt von ihm ist bis heute an einer der Kirchenwände zu sehen.

Aber das wichtigste Merkmal dieser Kirche: Alle ikonographischen Motive der Fresken und Ikonen dieser Kirche sind auf die eine oder andere Weise mit dem Thema der Heiligen Dreifaltigkeit und der Göttlichen Liturgie verbunden. Zugleich erzählt jede Darstellung ihre eigene Geschichte.

Es sind die Geschichten der theologischen Auslegung des Dogmas von der Heiligen Dreifaltigkeit. Die Innenausmalung der Torkirche stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, als das Gotteshaus nach dem Brand im Jahr 1718 wiederhergestellt wurde. Im Laufe von zwei Jahrzehnten schufen die Ikonenmaler der Torkirche – die Namen einiger von ihnen sind überliefert – einen Zyklus von Bildern, der mit den Mitteln der Malerei und auf hohem theologischem Niveau das Dogma der Heiligen Dreifaltigkeit veranschaulichte. Diese Ausmalung richtete sich an gebildete Mönche und Pilger, die mit den theologischen Diskussionen ihrer Zeit vertraut waren.

Wer die Dreifaltigkeits-Torkirche betrat, erblickte mehrere Darstellungen der alttestamentlichen Dreifaltigkeit vom Typ „Abrahams Gastfreundschaft“. Eine von ihnen enthält sogar ein Zitat aus dem Buch Genesis („Siehe, drei Männer standen vor Abraham. Er verneigte sich und sprach: ‚Mein Herr, wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorüber.‘“ Gen 18, 2,3), in dem Abraham und Sara von drei Engeln besucht werden, die die Heilige Dreifaltigkeit symbolisieren. Die Begegnung des Menschen mit der Dreifaltigkeit verweist auf das mystische Verständnis der göttlichen Natur – dem Wesen nach eine, in den Personen aber dreifaltig. Die auf dieser Szene beruhende Ikonographie ermöglichte es, dieses anspruchsvolle theologische Konzept anschaulich darzustellen und zugleich die enge Verbindung zum biblischen Text zu bewahren.

Abrahams Gastfreundschaft
© Maksym Ritus Die alttestamentliche Dreifaltigkeit vom Typ „Abrahams Gastfreundschaft“, Fragment (1734/5)

Die zweite Darstellung der alttestamentlichen Dreifaltigkeit vom Typ „Abrahams Gastfreundschaft“ befindet sich in der geschnitzten Ikonostase innerhalb der Kirche. Neben den drei Engeln sind darauf auch Abraham und Sara dargestellt. Auf dem Tisch befinden sich Essgeschirr, Brot, Fisch (als Symbol Christi) sowie Früchte, darunter Weintrauben als Symbol der Eucharistie. Auffällig sind außerdem Messer und Gabeln – Gegenstände, die zur damaligen Zeit von der einfachen Bevölkerung üblicherweise noch nicht verwendet wurden.

Diese Kirchenikone ist zugleich Bestandteil der gesamten ikonographischen Komposition des Gotteshauses. Auf der gegenüberliegenden Seite der Ikonostase befindet sich die Ikone der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel, während im oberen Register der Ikonostase eine Darstellung der neutestamentlichen Dreifaltigkeit zu sehen ist. Diese gleichsam dreieckige Komposition wird durch eine weitere Darstellung der neutestamentlichen Dreifaltigkeit vervollständigt und bekräftigt – ein monumentales Fresko in der Kalotte der Kirchenkuppel.

NT Dreifaltigkeit
Die neutestamentliche Dreifaltigkeit in der Kalotte der Kirchenkuppel – Quelle: Monumentalnyj žyvopys Trojickoji nadbramnoji cerkvy Kyjevo-Pečerskoji Lavry. Katalog. Red.: Alina Kondratjuk. Kyjiv 2005. Kat. Nr. 35, S. 125.

Auf goldenem Grund sind Gott der Vater und Gott der Sohn dargestellt, die auf Thronen inmitten von Wolken sitzen. Über ihnen erscheint der Heilige Geist in Gestalt einer Taube mit ausgebreiteten Flügeln. Die Köpfe der Figuren sind zur Mitte der Komposition gewandt, während sich die Darstellungen harmonisch in die sphärische Wölbung der Kuppel einfügen.

Gott der Vater ist als greiser Mann mit weißem Bart dargestellt. Sein Haupt ist von einem dreieckigen Nimbus umgeben, der durch eine rote Konturlinie eingefasst ist. Zu beiden Seiten des Nimbus befindet sich das Monogramm Gottes des Vaters. Seine rechte Hand ist zum Segensgestus erhoben, während die linke ein Reichs- oder Weltsymbol – eine blaue Kugel mit goldenen Verzierungen – hält. 

Links befindet sich die Gestalt Jesu Christi mit einem runden, ebenfalls rot eingefassten Nimbus. Daneben steht das Monogramm „Gott der Sohn“. Die linke Hand Christi ist mit nach oben geöffneter Handfläche erhoben, in der rechten hält er ein goldenes Zepter. Über seinen entblößten Körper ist ein roter Opfermantel (Purpurgewand) gelegt.

Der Heilige Geist ist als Taube mit rundem, rot eingefasstem Nimbus dargestellt. An drei Seiten des Nimbus befindet sich die Inschrift: „Gott, der Heilige Geist“. Zu Füßen der Throne sind die himmlischen Heerscharen, Cherubim und Engel dargestellt.

Dieser Typus der neutestamentlichen Dreifaltigkeit gelangte aus der westeuropäischen Tradition in die ostchristliche Ikonographie. Seine Grundlage bildeten die theologischen Auslegungen des heiligen Hieronymus von Stridon zu Psalm 109 (110). Seit dem 12. Jahrhundert begegnen Varianten dieses Bildschemas in den Illustrationen verschiedener liturgischer Handschriften; seit dem 14. Jahrhundert verbreitete es sich auch in der Kunst der byzantinischen und postbyzantinischen Welt und entwickelte sich zu einem eigenständigen ikonographischen Typus. In der ukrainischen Sakralkunst lassen sich derartige Darstellungen vor allem seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nachweisen. Ihre vergleichsweise späte Verbreitung hängt mit den theologischen Kontroversen um die Darstellung Gottes des Vaters als Greis zusammen. In diesem Zusammenhang wurde auf die Worte des Johannesevangeliums verwiesen: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18).

Mittelschiff
© Jennifer Boyer Die neutestamentliche Dreifaltigkeit im Gewölbe des Mittelschiffs

Dennoch waren Darstellungen der neutestamentlichen Dreifaltigkeit in der lokalen ikonographischen Tradition in den 1730er-Jahren, als die Fresken der Dreifaltigkeits-Torkirche in Kyjiv entstanden, bereits weit verbreitet. Als Vorbilder dienten häufig Kupferstiche jener Zeit sowie die sogenannten „Kozhbushki“ – Vorlagenbücher mit Kupferstichen für die Ikonenmaler der Lavra, die in den Ikonenwerkstätten aufbewahrt wurden. Einer der Autoren solcher Kupferstiche war Alexander (Oleksandr, Mönchsname; Antonij) Tarassewytsch (ca. 1640–1727). Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Augsburg (Bayern) bei den Brüdern Philipp Kilian (1628–1693) und Bartholomäus Kilian (1630–1696). Sein Kupferstich „Die neutestamentliche Dreifaltigkeit“ (1677) wurde wahrscheinlich zu einer der Grundlagen für eine weitere der fünf gleichnamigen Kompositionen in der Dreifaltigkeits-Torkirche.

Der Kupferstich von Tarassewytsch diente als Vorlage für die Darstellung der neutestamentlichen Dreifaltigkeit im Gewölbe des Mittelschiffs. Vor einem grau-blauen Hintergrund sind Gott der Vater (rechts) und Gott der Sohn (links) dargestellt, die inmitten von Wolken sitzen und von den himmlischen Heerscharen umgeben sind. Über ihnen erscheint der Heilige Geist in Gestalt einer Taube mit ausgebreiteten Flügeln. Christus hält mit seiner rechten Hand ein großes hölzernes Kreuz, während seine linke Hand dem Betrachter mit geöffneter Handfläche entgegen ausgestreckt ist.

Eine weitere Darstellung der neutestamentlichen Dreifaltigkeit in der Dreifaltigkeits-Torkirche, die sich im Gewölbe der Konche der zentralen Apsis befindet, geht auf ein noch berühmteres künstlerisches Vorbild zurück. Als Vorlage für das Antlitz Gottes des Vaters diente das Gemälde „Beweinung Christi“ (ca 1540) des niederländischen Renaissance-Malers Maarten van Heemskerck (1498-1574). Die Ausführenden der Wandmalereien der Dreifaltigkeitskirche kannten dieses Werk vermutlich durch graphische Reproduktionen.

Apsis
Die neutestamentliche Dreifaltigkeit im Gewölbe der Konche, zentrale Apsis – Quelle: Monumentalnyj žyvopys Trojickoji nadbramnoji cerkvy Kyjevo-Pečerskoji Lavry. Katalog. Red.: Alina Kondratjuk. Kyjiv 2005. Kat. Nr. 174, S. 213.
Heemskerck
„Beweinung Christi“ (ca. 1540), Maarten van Heemskerck

Die Verwendung westeuropäischer Vorbilder in der ostchristlichen Ikonographie ist ein charakteristisches Merkmal der ukrainischen Sakralkunst der Barockzeit, einschließlich der Darstellungen der Dreifaltigkeit in der Torkirche.

Paradies
Paradiesfresken – Quelle: Monumentalnyj žyvopys Trojickoji nadbramnoji cerkvy Kyjevo-Pečerskoji Lavry. Katalog. Red.: Alina Kondratjuk. Kyjiv 2005. Kat. Nr. 16, S. 53.

Eine weitere Besonderheit dieser Malereien ist der außerordentliche Reichtum an Grüntönen. Die Ikonenmaler der Kyjiver Lavra schmückten die Dreifaltigkeits-Torkirche als Symbol der „Grünen Feiertage“, indem sie sie mit Darstellungen üppiger Vegetation füllten: Landschaftsmotive erscheinen an den Wänden, rund um die Fenster und sogar auf den kunstvoll geschnitzten Rückenlehnen der alten Kirchenbänke (Stasidien).

Die Kirche selbst wurde von Kyjiver Theologen mit einem immergrünen Baum verglichen, der nicht verwelken kann. In den Worten von Johannes Chrysostomos: „[…] seine Reben und Pflanzen welken nicht, die Bäume tragen Früchte, ihr Laub fällt nicht ab und unterliegt nicht der Vergänglichkeit der Zeit“ (Wort zum Pfingstfest). Die grünen Bäume in den Landschaftskompositionen an den Wänden und Fensterlaibungen des Narthex werden so zu einer barocken Metapher der Kirche.

In der Malerei des Narthex verbinden sich Natur und Heiligendarstellungen, die irdische und die himmlische Welt. Zu Füßen der Heiligen entfaltet sich eine Landschaft mit Vögeln, Tieren und Fischen – ein Bild des Paradieses, der ursprünglichen Natur und der göttlichen Schöpfung.

Gegenwärtig ist die Dreifaltigkeits-Torkirche in Kyjiv wegen Restaurierungsarbeiten für Besucher geschlossen. Durch den Beginn des umfassenden russischen Krieges gegen die Ukraine haben sich die Restaurierungsarbeiten verzögert. Dennoch ist die Hoffnung nicht erloschen, dass Pilger und Besucher die einzigartigen Darstellungen der Heiligen Dreifaltigkeit in der Torkirche eines Tages wieder sehen können.

Text: Dr. Liliya Berezhnaya – Historikerin mit Schwerpunkt Ostmittel- und Osteuropa; Senior PostDoc an der Universität Wien; Assoziiertes Mitglied am Institut für Östliches Christentum der Universität Nijmegen (NL)

zur niederländischen Version auf der Platform Oosters Christendom

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