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Professur für Europäische Ethnologie

Universitätsallee 1

85072 Eichstätt

Telefon: +49 8421 9321501

E-Mail (mailto: Johanna.Pfahler@ku.de)

"Eine ethnologische Untersuchung [...] geht von der Vorstellung aus, daß auch in einem kleinen gesellschaftlichen Ausschnitt die Funktionsweisen und Wirkungsprinzipien 'des Ganzen' der Kultur aufzufinden sind" (Kaschuba 2003, 115).
Studienfach "Europäische Ethnologie"
Europäische Ethnologie

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Selbstverständnis und Inhalte

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Volkskunde ist eine genuin kulturwissenschaftliche Disziplin. Kultur - ein zentraler theoretischer Begriff des Faches - wird nicht verstanden als ein festes, abgeschlossenes System von Traditionen und Werten, das geographisch oder national klar abgegrenzt ist. Der Begriff umschreibt vielmehr Prozesse, in denen Menschen (Gruppen, Gesellschaften) miteinander umgehen, sich verständigen und organisieren, ihre Lebens- und Erfahrungsräume gestalten.

Dabei bedienen sie sich oft unbewusster tradierter Orientierungsmuster ( Habitus, Mentalität), oder greifen bewusst auf sie zurück, verändern sie oder entwickeln neue Strategien in Anpassung an Modernisierungsschübe und den einhergehenden gesellschaftlichen Wandel. Volkskunde richtet ihren Blick auf die in diesem Prozess geschaffenen, selbstverständlichen (alltags)kulturellen Äußerungen breiter Bevölkerungsschichten (Popular-, Massenkultur).

  • Mündliche, literarische, visuelle Überlieferungsformen (z.B. populäre Erzähl- und Lesestoffe, Bilder und Zeichen, mediale und virtuelle Welten),
  • Verhaltensweisen, Handlungsabläufe und Vorstellungswelten (z.B. Alltags-, Fest- und Freizeitverhalten, Arbeitsweisen, Frömmigkeitsformen, Wertvorstellungen, Geschmacksstile, Konventionen, Rituale, Bräuche, Events),
  • gruppengebundenes Leben , Formen des Zusammenlebens (z.B. soziale Institutionen, Lebensformen und -gemeinschaften: Familie, Verein etc.),
  • Sachgüter (z. B. Bauten, Wohnungen, Bekleidung, Geräte, Bilder, etc.).

Dieser sogenannte Sachkanon demonstriert den "weiten" Kulturbegriff der Volkskunde. Sie begreift das Kulturschaffen als spezifisch menschliche Fähigkeit der Lebensweltgestaltung, die sich in bestimmten Handlungsmustern und deren Ding- und Symbolproduktion ausdrückt.
 
Die Untersuchungsgegenstände haben zur Ausbildung einer Vielzahl spezieller Forschungsfelder geführt. Nur einige können hier genannt werden:

  • Arbeiterkulturforschung,
  • Ergologie (Gerätekunde),
  • Brauch-, Frömmigkeits-, Imagerie- Bekleidungs-, Keramik-, Haus-, Möbel-, Nahrungs-, Gemeinde- und Stadtteilforschung,
  • Lebenslauf- und Biographieforschung,
  • Visuelle Anthropologie,
  • interkulturelle Kommunikation,
  • Migrationsforschung, etc.

 

 

Problemstellungen

Über Gegenstände und Arbeitsfelder allein ist die Disziplin Volkskunde nicht hinlänglich zu bestimmen. Erst aus ihren Betrachtungsweisen, kulturanalytischen Problemstellungen und den entsprechenden methodischen Zugängen entsteht das spezifisch Volkskundliche. Mit Begriffspaaren können spezifische Problemfelder umschrieben werden, die bestimmte Fragen nach sich ziehen.

  1. Wer Enkulturation und Akkulturation in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt, kann fragen: Wie werden Wertvorstellungen sozialer Gruppen ( Familie, Dorf, Stadtteil, Alters- und Berufs-, Glaubensgruppen, Migranten, etc. ) geprägt? Durch Mechanismen innerhalb der Gruppe selbst, d.h. durch innere Sozialisation oder durch nachdrückliche Einflussnahme von Außen (z.B. organisiert vermittelte Folklore), durch Assimilation.
  2. Welche Rolle spielen Machtverhältnisse, z.B. zwischen Mann und Frau, Grundherr und Untertan, Arbeitnehmer und -geber, Einheimischen und Fremden? Welchen Einfluss haben diese auf Normen und damit auf Verhaltensweisen und Lebensstile? Thematisiert werden hier die Beziehungen von Norm und Verhalten, Herrschaft und Kultur.
  3. Fragen nach der Kommunikation und Diffusion gehen den Wegen der Normvorstellungen, Wertemustern und Verhaltensregeln nach. Auf welche Weise werden diese vermittelt ( Katechese, Schule, Medien, orale Prozesse, Mobilität, etc.)? Finden dadurch spezifische Lebensstile eine Verbreitung?
  4. Bieten diese Lebensformen in ihrer räumlichen Begrenzung Identifikationsmuster, die dem einzelnen Sicherheit und Geborgenheit gewähren? Wie verändern sich diese räumlichen Begrenztheiten im Zuge der sog. Globalisierung (Europäisierung, Regionalisierung, Stereotypisierung)? Sind Kulturraum und Identität noch aneinander gebunden und auf welche Weise?
  5. In welchem Rahmen unterliegt der einzelne Mensch mit seinen kulturellen Äußerungen gruppenspezifischen, sozialen Bedingungen (Normen, Mode, Trends, etc.)? Welche individuell-kreativen Möglichkeiten sind ihm eingeräumt, d.h. wie beeinflussen sich Gruppe und Individuum gegenseitig?
  6.  Ist der einzelne auch in seiner Kreativität eng an kollektive Geschmacksvorstellungen gebunden? Arbeiten Produktdesigner mit diesen Vorstellungen? Wie verhalten sich Kreativität und Kulturindustrie (Konsum- und Massenkultur, Folklorismus) zueinander?
  7. Welche Funktion und Bedeutung für soziale, gesellschaftliche Systeme kann man hinter den kulturellen Objektivationen und Subjektivationen, d.h. materiellen und geistigen Kulturphänomenen erkennen?
  8. Die aufgeführten Problemfelder lassen schon die Dynamik kultureller Äußerungen erkennen. Deren Prozesse in ihrer Dauer und ihrem Wandel, ihrer Tradition (Kontinuität) und Transformation bzw. Diskontinuität zu verstehen, steht im Zentrum der volkskundlichen Kulturanalyse.

Erkenntnisziele volkskundlicher Kulturanalysen

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Mit diesen Fragen sollen Einsichten in die Vielfalt und Komplexität von Kulturen in Europa und ihrer Phänomene gewonnen werden. Diese gilt es in ihren historischen Tiefendimensionen, ihren sozialen Verhältnissen und ihren regionalen Ausprägungen zu verfolgen. Auf eine Formel gebracht geht es um das wechselseitige Verhältnis von: Kultur - Geschichte - Gesellschaft - Raum.

Volkskundliche Kulturanalysen basieren meist auf sog. Mikrostudien, die sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Gegenwart bezogen sein können. Sie sind historischen wie philologischen Methoden verpflichtet, besonders aber auch ethnologisch-sozialwissenschaftlichen Methoden und Zugängen, da sie zeitgenössische Phänomene in ihrem historisch-kulturellen Gewordensein erklären. Die mit dem "ethnologischen Paradigma" (Fremdverstehen) verbundenen qualitativ hermeneutischen Verfahren mit deutlich selbstreflexiven Impetus gehen in die historisch-kritische Analyse ein. Besonders enge Verbindungen ergeben sich daher mit den Nachbarfächern Geschichte, Soziologie, Sprach- und Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, sowie der in Eichstätt nicht vertretenen Ethnologie und Religionswissenschaft.

Bei der Deutung kultureller Systeme am Beispiel des regional Verorteten, d.h. kleiner und konkreter Untersuchungs- und Beobachtungsfelder, dürfen aber auch die Orientierungen und der Kontext internationaler und interdisziplinärer Kulturforschung nicht fehlen. Zudem ist der überregionale Vergleich als methodisches Erkenntnisinstrument besonders wichtig angesichts zunehmender globaler Kulturkontakte und -konflikte. Nur so ist gezieltes kritisches Sehen und Erkennen von kulturellen Zusammenhängen und kulturellem Wandel im eigenen Kulturraum möglich.

Diachrone und synchrone Schnitte sind dabei zu kombinieren: Was wir heute als kulturell geprägt oder regional- nationalspezifische Mentalitäten wahrnehmen, ist für den europäischen Raum Produkt und Erbe frühneuzeitlicher Territorialität hinter späteren nationalen und nationalistisch orientierten Prägungen. Lokale Gesellschaften, Gruppen oder Individuen in ihren spezifisch kulturell sichtbaren Handlungsweisen entspringen nicht hermetisch abgeschlossenen, autonomen Traditionssystemen.

Der mitteleuropäische deutschsprachige Raum mit dem Schwerpunkt der näheren Regionen bleibt der zentrale Untersuchungsraum der in Eichstätt vertretenen Volkskunde, natürlich mit vergleichendem Blick auf europäische Länder in Abhängigkeit zu Forschungslage und Sprachkompetenz. Nicht zuletzt aufgrund des gemeinsamen historischen Diskursraumes "Europa" und des dort ausgebildeten "ethnologischen Paradigmas" wird Volkskunde in Eichstätt auch als Europäische Ethnologie aufgefasst.

Neben dieser Bezeichnung trägt das Fach an deutschen Universitäten auch Namen wie Empirische Kulturwissenschaft und Kulturanthropologie. Dies hat ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Hintergründe. Die "Entdeckung" des "Volkes" während Aufklärung und Romantik und die seither vielfältig ausgebildeten Bedeutungsinhalte des Wortes Volk, besonders hinsichtlich nationalen Bewusstseins, stehen in engster Verbindung zur Entwicklung und Ausbildung des Faches Volkskunde. Die politische Instrumentalisierung des Begriffes "Volk" und seiner Komposita durch die nationalsozialistische Ideologie führte zu tragischen Irrwegen. Die in der Aufarbeitung der (Wissenschafts-)Geschichte zunehmende Beklommenheit von Wissenschaftler(inne)n beim Gebrauch des äußerst problematischen Begriffes führte in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts an einigen Universitäten zu Umbenennungen oder Namensergänzung des Faches. Sie kündigten zugleich künftige theoretische Orientierung und Forschungsschwerpunkte an. Man orientierte sich an den traditionellen Namen ähnlicher Forschungs- und Studienrichtungen wie der Sozialanthropologie (Großbritannien), der Kulturanthropologie (USA), der Ethnologie (française) (Frankreich), der Ethnographie/ Ethnologie (Osteuropa) oder der Europäischen Ethnologie (Skandinavien). In Europa haben sich die volkskundliche, ethno-kulturanthropologisch arbeitenden Disziplinen in der "Société Internationale d'Ethnologie et de Folklore" (SIEF) mit der Zeitschrift "Ethnologia Europaea" zusammengeschlossen. 

Für eine Beibehaltung des Namens Volkskunde - trotz der entstandenen problematischen begrifflichen Implikationen - sprechen jedoch die geschilderten spezifischen Zugriffe und die Fachtradition. Bis heute haben sich alle Institute und Institutionen unter dem Dach der "Deutschen Gesellschaft für Volkskunde" (DGV, gegr. 1904) zusammengeschlossen. Auch wichtige deutschsprachige Zeitschriften tragen den Namen Volkskunde im Titel. Das kritische Hinterfragen des konfliktbeladenen Begriffes Volk, insbesondere im allgemeinen Sprachgebrauch sowie seiner synonym gebrauchten Ersatzbegriffe (z.B. populär) und der dahinterstehenden Vorstellungen, gehört heute zum grundlegenden Thema im theoretischen Diskurs des Faches.

Ausbildungsziele, Studiengänge und -organisation

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Wer sich für ein Studium der Volkskunde entscheidet, sollte Offenheit und ein intensives Interesse für Menschen in all ihren unterschiedlichen Lebensformen und -welten mitbringen. Nicht nur die gegenwartsbezogenen empirischen Verfahrensweisen der Volkskunde wie Befragung oder Beobachtung erfordern einen hohen Grad der Teilnahme und Einfühlung, auch die Analyse historischer Quellen und deren Interpretation verlangen eine Auseinandersetzung mit dem eigenen scheinbar Vertrauten und dem Unbekannten. Ohne sie ist ein Verstehen des uns "fremden", "anderen" Denkens und Handels nicht möglich. Im Studium werden diese (inter)kulturellen Kompetenzen vertieft eingeübt und erlernt.

Das Volkskundestudium ist keine spezifische Berufsausbildung. Vielmehr werden Fähigkeiten entwickelt, kulturelle Phänomene und die dazugehörigen Dokumente zu beschreiben, zu analysieren, zu interpretieren und die Ergebnisse zu vermitteln. Hierzu gehören auch Schlüsselqualifikationen, Objekte der Sachkultur zu sammeln, zu inventarisieren, zu dokumentieren und zu präsentieren.

Diese Qualitäten erweisen sich für Tätigkeitsbereiche der öffentlichen wie freien Kulturarbeit als grundlegend, ja unabdingbar. Studierende sollten die Gestaltungsfreiheit, die die Studiengänge bieten kreativ und engagiert nutzten. Die Aussichten auf einen erfolgreichen Berufseinstieg erhöhen sich mit der Kompetenz selbständig, flexibel und zweckentsprechend auf Arbeitsanforderungen und -situationen zu reagieren.

Praktische Erfahrungen sind dabei von großem Nutzen. Sie können durch Projekte an der Universität und Praktika während der Semesterferien an vielerlei denkbaren Arbeitsplätzen gesammelt werden wie Museen, Sammlungen, Zeitungen, Rundfunk. Dringend empfohlen wird die Teilnahme an Lehrveranstaltungen, die keiner Nachweispflicht unterliegen. Des Weiteren sollten Spezialveranstaltungen und Gastvorträge, auch in anderen Fachbereichen, wahrgenommen werden. Besonders die Teilnahme an Tagungen und Kongressen fördert den Erwerb vielfältiger Kenntnisse unterschiedlicher Themenbereiche und das Kennenlernen anderer Lehrmeinungen. Hierzu bieten auch Exkursionen während des gesamten Studiums eine günstige Gelegenheit. Ein Auslandsstudium (Frankreich, Italien, Österreich, Schweiz, Ungarn, etc.) ist wärmstens zu empfehlen.

Nähere Informationen zu den angebotenen Fachstudiengängen sind unter "Studium" zu finden.

Berufsperspektiven und Berufsfelder nach dem Studium

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Die häufig aufkommende Frage nach den Berufsperspektiven und Tätigkeitsfeldern, die sich mit dem Abschluss des Studiums der Europäischen Ethnologie / Volkskunde eröffnen, kann vielfältig beantwortet werden. 

Je nach Neigung bietet der B.A.- wie auch der M.A.-Studiengang eine gute, wissenschaftlich-akademische Vorbereitung für Tätigkeiten in folgenden Bereichen:

  • Öffentliche und freie Kulturarbeit
  • Bildungsarbeit in Kulturverwaltungen
  • Bildungsarbeit im Museums- oder Ausstellungswesen
  • Bildungsarbeit im Bereich der Erwachsenenbildung
  • Journalistisch-medienorientierte Berufsfelder des Verlags- und Pressewesens, beim Rundfunk und beim Fernsehen
  • Journalistisch-medienorientierte Berufsfelder beim Fremdenverkehr
  • Tätigkeit im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit
  • Berufsfelder im Öffentlichen Dienst
  • Tätigkeit in Internationalen Organisationen
  • Tätigkeit im Gesundheitswesen
  • Berufsfelder im Bereich Migration/Integration
  • Tätigkeit in der Organisations- und Unternehmensberatung
  • Tätigkeit im Bereich der Forschung und Wissenschaft

und es besteht, im Anschluss an den M.A.-Studiengang, die Möglichkeit der Promotion im Fach Europäische Ethnologie / Volkskunde.


Für weitere Informationen bezüglich Ihrer individuellen beruflichen Perspektiven und Möglichkeiten kontaktieren Sie die Karriereberatung der KU Eichstätt.