Die Philosophie der Gefühle: Wie Emotionen unser Weltverhältnis prägen

Imke von Maur
© Christian Klenk

Sind Gefühle bloß subjektiv – oder helfen sie uns, Wirklichkeit überhaupt erst angemessen zu verstehen? Im Gespräch erklärt KU-Philosophin Prof. Dr. Imke von Maur, warum Emotionen keine Gegenspieler der Vernunft sind, welche Rolle sie in politischen Debatten spielen und weshalb ihre philosophische Erforschung heute besonders relevant ist. Gelegenheit dazu bietet auch die internationale Tagung der European Philosophical Society for the Study of Emotions, die Ende Juni in Eichstätt stattfindet.


Frau Professorin von Maur, Emotionen gelten oft als etwas sehr Persönliches oder Privates. Sie denken philosophisch über Gefühle nach. Was lässt sich an Emotionen über den Menschen und seine Wahrnehmung von Wirklichkeit erkennen?

Imke von Maur: Stellen Sie sich vor, Sie sind auf der Beerdigung eines Vaters von fünf kleinen Kindern, die fassungslos und verstört vor dem Sarg stehen. Sie verstehen erst langsam was passiert ist: ein Unfall, weil sich zwei Raser ein Wettrennen geliefert haben, bei dem der Vater zufällig im Weg stand. Mit am Grab steht ein Onkel, einer mit hohem IQ, der „faktenreich“ und in jedem Detail das Ereignis beschreibt. Er kennt viele Zahlen dazu, auch über die Leistungsfähigkeit der Autos, was er jedem erzählt. Gefühle hat er dazu keine, bestenfalls für die Autos. Wir kennen solche Situationen. Uns allen ist sofort klar, dass der Onkel eigentlich nichts Wesentliches des Phänomens versteht und trotz seines IQs wie ein seltsamer „Fremder“ (Albert Camus) wirkt. Für ihn ergibt sich auch nichts daraus. Die Kinder hingegen und alle die ihre Sichtweise teilen können, sich also einfühlen, begreifen den Kern der Gestalt. Wer das tut empfindet auch einen Drang den Kindern sofort helfen zu wollen – durch Trost, Präsenz und mit dem was jetzt praktisch anliegt. Nun stellt sich die Frage: Wer versteht die Situation besser, wer kann die „Wahrheit“ des Phänomens adäquat erfassen?

Wollen Sie mit dem Beispiel sagen, dass Emotionen nicht nur Reaktionen auf Wirklichkeit sind, sondern auch eine Weise, sie zu erschließen?

Dass Gefühle von innen privat und persönlich wirken, führt immer noch häufig zu der Annahme, sie seien deswegen ungeeignet, uns etwas über die Wirklichkeit zu sagen. Das ist aber aus mehreren Gründen falsch. Sämtliche Erkenntnisse, die im Subjekt und durch das Subjekt entstehen, sind in diesem Sinne subjektiv, da sie nur von uns gedacht, gesehen oder anderweitig erfasst werden können. Inwieweit diese Erkenntnisse etwas über unsere geteilte Wirklichkeit aussagen und uns helfen, diese zu verstehen, also durch Begründungen Geltung erlangen können und damit Anforderungen von Wahrheitskriterien erfüllen, müssen wir jeweils erst zeigen. Das gilt für Emotionen genauso wie für unser Denken oder Sehen oder andere Erkenntnisquellen. Ohne unser Sehen, Denken, Hören und eben auch unsere Gefühle fehlen uns wesentliche Bestandteile für unseren Wirklichkeitszugang, die wir benötigen, um etwas adäquat verstehen zu können. Zudem stellt sich die Frage der Qualität. Denn es gibt reichlich unsinniges Denken, Täuschungen der Sinneswahrnehmung und völlig verwirrte Gefühle. Emotionen erfassen dabei genauso wenig vermeintlich Gegebenes wie die Sinneswahrnehmung oder das Denken. Hier herrscht oft noch das Bild von einem mehr oder weniger unmittelbaren Zugang zu einer objektiven, also subjektunabhängigen Realität vor, das wissenschaftstheoretisch als naiv gilt. Zudem interessieren wir uns auch nicht ausschließlich für Erkenntnisgegenstände, die wie Steine außerhalb von uns ohne uns existieren und, im naiv realistischen Verständnis, als solche untersucht werden können. Vielmehr interessiert uns unsere geteilte Wirklichkeit.

Und diese geteilte Wirklichkeit ist auch emotional mitgeprägt?

Diese geteilte Wirklichkeit ist zu einem gewissen Teil auch ein Produkt unseres Denkens, Wahrnehmens und anderer Weisen, die Welt zu erfahren. Auch Emotionen erzeugen diese Wirklichkeit mit – die Welt des Unglücklichen ist eine grundlegend andere als die des Glücklichen, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagt. Mit allen Konsequenzen. Welche Wirklichkeiten affektiv wahrgenommen werden, ist dabei nicht rein privat und persönlich, sondern immer mitbestimmt durch über die Zeit in einer bestimmten Kultur erworbene Gefühlsrepertoires, durch situative Faktoren, durch sozioökonomische Herkunft, durch Geschlecht, durch die strukturelle Position, die jemand in einer Gesellschaft einnimmt, sowie durch weitere gesellschaftliche und biografische Prägungen. Die Konsequenzen einer Gesellschaft, die – kollektiv wie individuell – emotionale Wahrnehmung systematisch untergräbt, werden in der Klimakrise besonders deutlich. Das erschreckende Ausmaß der ökologischen Zerstörung trifft uns ebenso wenig ins Mark wie der Wert biologischer Vielfalt oder gelebter Demokratie. Dieses „Ungefühlte“ hat weitreichende Folgen für unser Denken und Handeln. Entscheidungen entstehen immer auf dem Boden von Denken und Fühlen – oder deren Abwesenheit.

Häufig werden Emotionen als Gegenstück zur Rationalität verstanden – als etwas, das Urteile eher verzerrt als erhellt. Ist diese Gegenüberstellung aus philosophischer Sicht zu einfach?

Sie ist nicht zu einfach, sondern falsch. Wenn wir eine Handlung, eine Überzeugung oder eine Emotion als rational bezeichnen, legen wir damit ein normatives Kriterium an, das selbst begründungspflichtig ist. Rationalität ist kein objektiver Maßstab, den man einfach abliest, sondern das Ergebnis einer Praxis des Begründens. Rationalität meint die Fähigkeit, Begründungen zu entwickeln, ihnen zu folgen und sie zu hinterfragen. Rational ist also, was sich als wohlbegründet erweisen lässt – und das betrifft Überzeugungen und Wahrnehmungen ebenso wie Emotionen. Keine davon ist von vornherein privilegiert, alle müssen sich gleichermaßen rechtfertigen. 

Imke von Maur

Was heißt das konkret für Gefühle?

Oft wird auch die Vernunft der Liebe entgegengesetzt. Aber das ist ein Missverständnis. Denn vernünftig ist – um beim eingangs beschriebenen Beispiel zu bleiben – gerade die Liebe der fünf Kinder zu ihrem Vater, während die Gleichgültigkeit des Onkels zum Verlust des unermesslichen „Wertes“ des Vaters führt. Oder ein anderes Beispiel: Wenn wir Krieg und Flucht verkürzen auf Zahlen und Daten, dann fehlt der Zugang zum Horror, den das für konkrete Menschen bedeutet. Das Phänomen Krieg lässt sich nicht reduzieren auf vermeintlich objektive, weil quantifizierbare Kennzahlen. Zum Phänomen Krieg gehört das Verstehen des Abgrunds menschlichen Leids wesentlich dazu, und diesen Abgrund wahrzunehmen erfordert affektive Involviertheit.

Gilt das für alle Gegenstände in gleicher Weise?

Es gibt zwar simple Phänomene, wie eine Tasse oder eine chemische Formel, auf die das weniger zutreffen mag. Aber diejenigen wissenschaftlichen Fragen und Phänomene die immer schon „in der Welt“ sind, lassen sich gerade nicht isoliert wie ein Stein untersuchen. Das hat unter anderem auch die moderne Sprachtheorie verstanden, in der Begriffe eben nicht mehr als isolierte Entitäten verstanden werden, sondern nur im Geflecht der Unterscheidung zu allen anderen Begriffen. 

Wenn man auf die Gegenwart blickt, entsteht oft der Eindruck, dass gesellschaftliche Debatten nicht nur von Argumenten, sondern ebenso stark von Angst, Empörung, Hoffnung oder Verunsicherung geprägt sind. Welche Rolle spielen Emotionen in solchen gesellschaftlichen und politischen Dynamiken?

Emotionen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie denken vermutlich an die hysterischen Trump-Anhänger, die ihm jubelnd in allem folgen, ganz gleich wie kontrafaktisch das ist. Deshalb wirkt es so, als wären die Emotionen das Problem und wenn wir die nur gründlich genug aus unseren Denkprozessen entfernten und ganz sachlich würden, wären wir auch rational. Aber so ist es eben nicht. Erstens gibt es auch tief reflektiertes, vernünftiges Denken, das von starken Emotionen geprägt ist, die angemessen sind. Denken Sie daran, dass Gerechtigkeit Menschen zu Tränen rühren kann. Da haben sie etwas verstanden! Zweitens gibt es keine wert- und affektfreien Argumente. Wer glaubt, rein sachlich zu urteilen, hat die eigene affektive Rahmung nicht reflektiert.

Wenn Emotionen nicht einfach das Gegenstück zur Vernunft sind: Wann werden sie in politischen Debatten problematisch?

Problematisch wird es dort, wo ausgehend von den bereits angesprochenen verbreiteten Fehlannahmen – einer isolationistischen Sprachvorstellung, die Begriffe als kontextunabhängige „Dinge“ behandelt, und einem naiven Realitätsverständnis, das einen subjektunabhängigen, objektiven Zugang zur „Welt“ für möglich hält – an (Pseudo‑)Fakten so lange selektiv herummodelliert wird, bis scheinbar das herauskommt, was gezeigt oder durchgesetzt werden soll. Dabei zeigt selbst dieses naive Faktenverständnis seine eigene Unzulänglichkeit: Es liefert keine tragfähige Entscheidungsgrundlage, weil nur jener Ausschnitt der Faktenlage herangezogen wird, der dem jeweiligen Ziel dient. Die Beliebigkeit dieser Begründungslogik wird in manchen Debatten so eklatant, dass Ergebnisse wie das des Gebäudemodernisierungsgesetzes oder die EU-Klassifizierung von Atomenergie als „nachhaltig“ dabei herauskommen. Dabei Wut, Angst und Ohnmacht zu empfinden, ist durchaus angemessen, weil das Grundprinzip eines demokratischen Rechtsstaats aufgelöst wird, nämlich überzeugende Gründe für Entscheidungen heranzuziehen. 

Und dann kippt das irgendwann in gezielte Emotionalisierung…

Der Eindruck einer emotionalisierten Debattenkultur, den Sie ansprechen, entsteht aus anderen Gründen. Zum einen gibt es genauso wie bei falschen und unzulässigen Urteilen oder „alternativen Fakten“ auch völlig unangemessene Emotionen, die jeglicher epistemischer Begründbarkeit entbehren. Das ist beispielsweise der Fall bei Affekten, die bewusst hergestellt und als Machtmittel eingesetzt werden. Wenn Donald Trump Hass schürt oder Friedrich Merz auf Ressentiment setzt, ist das kalkulierte Steuerung von Wirklichkeit durch Affekte. Es werden hier Feindbilder erzeugt, Zugehörigkeiten organisiert, Loyalitäten gefestigt und damit Wirklichkeiten erzeugt, die als eine Form der Propaganda Menschen regiert. Werden diese erzeugten Wirklichkeiten dann als sachlicher Befund präsentiert – man denke etwa an die Debatte rund um die „Stadtbild“-Aussage –, zu dem man sich nun nüchtern verhalten müsse („es ist ja nun mal gefährlich, bleiben wir sachlich“), ist das Manipulation in Form von Emotionalisierung mit anschließender Forderung nach Emotionslosigkeit. Hierüber nicht empört zu sein, ist ein epistemischer Fehler.

Wie wirkt sich das auf die Beteiligten am Diskurs aus?

Dasselbe Prinzip wirkt auch in umgekehrter Richtung: als Delegitimierung. Der Vorwurf an Frauen, „zu emotional" zu sein, ist keine deskriptive Aussage über einen Gemütszustand, sondern ein rhetorisches Instrument, das bestimmte Stimmen aus dem Raum des ernstzunehmenden Diskurses verdrängt, während die affektive Gleichgültigkeit der Gegenseite ungeprüft als rational gilt. Dahinter steckt die Annahme über die Existenz eines als männlich codierten Erkenntnismodus, der Wirklichkeit in isolierte, formal-logische Einheiten zerlegt und Erkenntnis damit reduktionistisch auf das verkürzt, was in diesem Rahmen als erkenntnisrelevant zugelassen wird. Alles andere ist bestenfalls „Gedöns“, aber eigentlich nicht nur irrelevant, sondern störend. Wer über Gefühle oder Soziales spricht, wirkt dümmlich, peinlich und realitätsfern. Demgegenüber steht ein als weiblich codierter Erkenntnismodus, der Phänomene in ihrem Zusammenhang, als umfassende Gestalten erfasst, einschließlich ihrer affektiven Dimension. Klarerweise führt das in Entscheidungsprozessen zu fundamental anderen Ergebnissen. Welche Wirklichkeiten sich durchsetzen, in Institutionen einschreiben und Politik strukturieren, hängt damit auch wesentlich davon ab, welche Affekte als legitim gelten und wer die Macht hat, das zu bestimmen.

Emotionen werden in vielen Disziplinen erforscht: in der Psychologie, den Neurowissenschaften oder der Soziologie. Was kann die Philosophie hierzu auf besondere Weise beitragen?

Die Philosophie kann über die Frage danach, wie Emotionen „funktionieren“, hinausgehen und fragen, welche Annahmen über Subjektivität, Wirklichkeit und Erkenntnis in unserem Umgang mit Affektivität stecken und welche normativen Konsequenzen das hat. Das ist weniger eine Ergänzung zu den anderen Disziplinen als eine Befragung ihrer Grundlagen.

Die philosophische Erforschung von Emotionen steht auch im Mittelpunkt der Jahrestagung der European Philosophical Society for the Study of Emotions, die vom 23. bis 26. Juni in Eichstätt stattfindet. Was ist das Besondere an dieser Konferenz?

Diese Konferenz bringt seit ihrer Gründung im Jahr 2014 jährlich Fachleute der Emotionsphilosophie aus aller Welt zusammen. Das thematische Spektrum ist bewusst weit gehalten und reicht von Emotionen in Kunst und Film über einzelne Phänomene wie Ekel oder Ressentiment zu der Rolle von Emotion in Protestbewegungen, zu affektiven Wirklichkeiten im digitalen Raum, Einsamkeit und Radikalisierung – sowie zu klassischen Fragen etwa bei Aristoteles oder Adam Smith. Neben Vorträgen gibt es Buchvorstellungen, Diskussionsrunden und experimentellere Formate. Und wir gehen das erste Mal zusammen ins Kino. In diesem Jahr freuen wir uns besonders, nach Tagungen in Athen, Paris und Lissabon nun in Eichstätt zu sein – einer Stadt, die dem intensiven wissenschaftlichen Austausch einen ruhigen und ästhetisch außergewöhnlichen Rahmen gibt. Wir erwarten dazu rund 100 Teilnehmende. Für sie haben wir uns etwas ganz Besonderes ausgedacht, um die außergewöhnliche Atmosphäre Eichstätts unseren Gästen mit allen Sinnen erfahrbar zu machen: nämlich ein Menü in sechs „Gängen“ – und das im doppelten Wortsinn. Wir besuchen so wunderschöne Orte wie Notre Dame du Sacré Coeur, den Spiegelsaal, den Kapellbuck, das Kloster St. Walburg und den Domplatz. Wir hören Musik, staunen über die Kunst und erspüren die Jahrhunderte spirituellen Tiefgangs. Dabei gibt es an jeder Station bayerische Spezialität und ein köstliches Getränk, um alle Sinne zu öffnen. Wichtig war uns viele der „Handwerksmeister“ unserer Region einzuladen mitzumachen, die mit ihren tollen Produkten zeigen wie gut es sich hier leben, forschen und arbeiten lässt. Es gibt also köstlichen Fisch und Bratwurst, tolles Bauernbrot, Obatzda und Weizenbier, Tartelettes und Espresso und den Klosterlikör der Benediktinerinnen und so manches weitere Schmankerl der Eichstätter Biobauern. 

(Fragen von Christian Klenk)

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