Deutsche Sprachminderheiten in Südbrasilien

Dokumentation und Analyse deutschbasierter Sprachminderheiten in Rio Grande do Sul und Santa Catarina

Projektbeschreibung

Am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (Prof. Dr. Sebastian Kürschner) wird in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Prof. Dr. Mechthild Habermann) seit über einem Jahrzehnt ein Forschungsschwerpunkt zur deutschen Sprache im Süden Brasiliens kontinuierlich ausgebaut. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung, Dokumentation und Analyse deutschbasierter Sprachvarietäten, die im Kontext historischer Migrationsbewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Brasilien entstanden sind und bis heute von Nachfahren deutschsprachiger Einwanderer gesprochen werden.

Die Feldforschungen werden an vier Orten in den Bundesstaaten Rio Grande do Sul (Agudo, Venâncio Aires, Imigrante) und Santa Catarina (São Bento do Sul) durchgeführt. Die untersuchten Gemeinschaften unterscheiden sich in ihrem historischen Einwanderungshintergrund: Während die Gemeinschaft in São Bento do Sul auf Einwanderer aus dem südböhmisch-bairischen Grenzraum zurückgeht, stammen die Gemeinschaften der Região dos Vales aus nordböhmisch-obersächsisch-schlesischen Einwanderungskontexten.

Die Forschungsfragen umfassen Phänomene des Sprach- und Varietätenkontakts zwischen deutschen Varietäten und brasilianischem Portugiesisch, grammatische und lexikalische Entwicklungen unter Mehrsprachigkeitsbedingungen sowie Spracheinstellungen, Sprachnormen und Sprachideologien in den untersuchten Gemeinschaften. Das Projekt verbindet grammatisch-lexikalische, soziolinguistische und sprachanthropologische Perspektiven.

Ein zentrales Anliegen ist der Aufbau nachhaltiger, digital zugänglicher Sprachkorpora. Die erhobenen Audio-, Video- und Metadaten werden nach wissenschaftlichen Standards inventarisiert und transkribiert. Damit trägt das Projekt zur systematischen Dokumentation von Varietäten bei, die trotz einer geschätzten Sprechergemeinschaft von rund einer Million Personen bislang nur unzureichend erforscht sind.

Datenbasis

Das Projekt stützt sich auf zwei Hauptdatensätze. Der Datensatz SB2000 (São Bento do Sul, Santa Catarina) wurde zwischen 2002 und 2005 unter der Leitung von Prof. Dr. Bernd Naumann und Prof. Dr. Mechthild Habermann (FAU) erhoben und umfasst 157 Gewährspersonen sowie ca. 36 Stunden Audiomaterial. Der Datensatz RS2019 (Região dos Vales, Rio Grande do Sul) wurde 2019 unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Kürschner (KU) erhoben und umfasst 155 Gewährspersonen sowie ca. 56 Stunden Audio- und 12 Stunden Videomaterial. Transkription und Inventarisierung erfolgen mit den Werkzeugen EXMARaLDA und ZuMult, methodisch begleitet von Dr. Thomas Schmidt (Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim).

Institutionelle Geschichte und Förderung

Die Zusammenarbeit zwischen der KU und den brasilianischen Partnerinstitutionen wurde in mehreren Phasen aufgebaut und durch unterschiedliche Förderprogramme unterstützt. In den Jahren 2010–2012 ermöglichte das Bayerische Hochschulzentrum für Lateinamerika (BayLAT) erste Anbahnungsmaßnahmen. Von 2013 bis 2021 förderte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) die Zusammenarbeit im Rahmen einer Germanistischen Institutspartnerschaft (GIP), die den Studierenden- und Lehraustausch sowie gemeinsame Forschungsvorhaben zwischen der KU, der FAU, der UFRGS Porto Alegre und der UFPel Pelotas strukturierte. Seit Auslaufen der GIP werden die wissenschaftlichen Aktivitäten in veränderter Form fortgeführt und durch das interne Forschungsförderungsprogramm proFOR+ der KU (mehrere Förderphasen 2019–2025), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG, Konferenzförderung 2023), die Maximilian-Bickhoff-Stiftung sowie die Eichstätter Universitätsgesellschaft e. V. gefördert. Für 2026 ist die DAAD-geförderte Wiedereinladung von Prof. Dr. Lucas Löff Machado an die KU vorgesehen.

Seit 2026 besteht zudem ein Memorandum of Understanding mit fünf Partnerinstitutionen: dem Instituto de Letras der UFRGS (Prof. Dr. Cléo Vilson Altenhofen), dem Centro de Letras e Comunicação der UFPel (Prof. Dr. Luciane Leipnitz, Prof. Dr. Lucas Löff Machado), der Universidade Federal da Fronteira Sul (Prof. Dr. Marcelo Jacó Krug), der Justus-Liebig-Universität Gießen (Prof. Dr. Anna Ladilova) und der Universität Augsburg (Prof. Dr. Joachim Steffen).

Weitere Forschungskooperationen bestehen mit der University of Texas at Austin (Prof. Hans C. Boas), der LMU München (Prof. Dr. Lars Bülow), der Universität Marburg (Prof. Dr. Alfred Lameli), der Universität Heidelberg (Dr. Angélica Prediger) und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien (Dr. Philipp Stöckle).

Verantwortliche

Prof. Dr. Sebastian Kürschner, Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft, KU Eichstätt-Ingolstadt Prof. Dr. Mechthild Habermann, Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft, FAU Erlangen-Nürnberg

Dokumentationsfilm

Im Rahmen der Studienreise 2019 entstand der Dokumentationsfilm „iberscheen", der das Leben in deutschsprachigen Gemeinschaften der Região dos Vales dokumentiert. Der Film ist auf der Seite des Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft der KU zugänglich.

Ausgewählte Publikationen

Kürschner, Sebastian (2025): Süd- und nordböhmische Sprachminderheiten in Brasilien. In: Germanistische Werkstatt 14, 69–85.

Löff Machado, Lucas / Sebastian Kürschner (2025): Metasprachliche Positionierungen zur inneren und äußeren Mehrsprachigkeit bei deutschsprachigen Gemeinschaften in Brasilien. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 92/3, 284–331.

Wolf-Farré, Patrick u. a. (Hrsg., 2023): Deutsche und weitere germanische Sprachminderheiten in Lateinamerika. Grundlagen, Methoden, Fallstudien. Berlin: Peter Lang (MinGLA Band 1).

Löff Machado, Lucas (2024): Die Rolle sprachlicher Normen für Deutschsprachige in Brasilien. Berlin: Peter Lang (MinGLA Band 2).

→ Weitere Informationen: Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft, KU Eichstätt-Ingolstadt