Kommende Termine

Zurück zum Aktuellen

Wer erschafft, bleibt verantwortlich: Was Frankenstein über KI lehrt

Was kann ein Roman von 1818 zur Debatte über Künstliche Intelligenz beitragen? Bei der Konferenz „FrankenstAIn“ der KU diskutierten am 22. und 23. Oktober Forschende von 25 Einrichtungen aus zwölf Ländern in Ingolstadt, am Schauplatz des Romans.

Victor Frankenstein scheitert nicht daran, ein künstliches Wesen zu erschaffen. Er scheitert daran, bei ihm zu bleiben. Genau dort, wo Mary Shelley ihren Protagonisten studieren ließ, gingen nun drei Keynotes und 31 Vorträge der Frage nach, was ihr Roman über Künstliche Intelligenz verrät. Tagungsorte waren die Hohe Schule und das Collegium Georgianum. Organisiert wurde die Konferenz von Prof. Dr. Norbert Paulo, Inhaber der Stiftungsprofessur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung an der School of Transformation and Sustainability, gemeinsam mit Dr. Jurgis Karpus, Dr. Florian Richter und Benjamin Mullins. Sie bildete den Höhepunkt der Frankenstein-Veranstaltungsreihe, die im April mit einer öffentlichen Ringvorlesung begonnen hatte.

„In Shelleys Roman kommt Victor Frankenstein nach Ingolstadt, um die Grenzen des Wissens zu überschreiten. Mehr als zweihundert Jahre später stehen wir mit Künstlicher Intelligenz vor ähnlichen Fragen: Wie weit dürfen wir gehen? Wer trägt die Verantwortung, wenn ungeahnte Gefahren entstehen?“, sagt Norbert Paulo, der die Veranstaltungsreihe initiiert hat.

So international der Kreis der Teilnehmenden war, so vielfältig waren die Zugänge: Philosophie und Ethik trafen auf Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, Rechtsphilosophie, Tourismusforschung und Theater. Den Rahmen spannten drei Keynotes: Nolen Gertz, Professor an der University of Twente, eröffnete mit der These, dass die KI selbst das eigentliche Monster sei. Eileen Hunt, Professorin an der University of Notre Dame (USA), die als eine der wichtigsten Shelley-Forscherinnen gilt, las den Roman als frühen KI-Text. Michael Zichy, Professor an der Universität Bonn, fragte zum Abschluss nach dem Bild vom Menschen im Zeitalter der Maschinen. Dazwischen zogen sich drei Fragen durch viele Beiträge.

Wer trägt Verantwortung, wenn die Schöpfung eigene Wege geht?

Allen Rajesh (Technische Hochschule Ingolstadt) machte aus Frankensteins Versagen eine eigene moralische Kategorie: „Abandonment“, auf Deutsch etwa das Im-Stich-Lassen oder Sich-Abwenden. Diesen Gedanken übertrug er auf den tödlichen Unfall eines autonomen Testfahrzeugs im Jahr 2018. Paula Ziethmann (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg) lenkte den Blick auf die oft unsichtbare menschliche Arbeit hinter scheinbar autonomen Systemen. Tamara Siegler (KU) fragte, wie aus einer wohlwollenden Schöpfung ein Monster wird, und verband Shelleys Roman mit der aktuellen Debatte darüber, wie sich KI an menschliche Werte binden lässt.

Auf einem Tisch liegen Spielkarten, Stifte und ein großer Papierbogen. Im Hintergrund unterhalten sich drei Personen im Seminarraum.
Mit einem eigens gestalteten Kartenspiel hinterfragte der Workshop der TU München gängige Erzählungen über KI.

Was verraten unsere Begriffe über KI und über uns?

Moniq Gouws (Stellenbosch University, Südafrika) bezeichnete schon den Namen „Künstliche Intelligenz“ als irreführend und schlug vor, ihn in klar benannte Teilbereiche aufzugliedern. Marie Hirsch (Universität Passau) zeigte, wie die Rede von „autonomen“ Systemen auch unser Bild menschlicher Autonomie verschiebt. Felix Hiemeyer (KU) brachte mit der Gastfreundschaft einen Begriff aus der Tourismusforschung ein und fragte, ob KI eher Gast oder Gastgeber ist. Im Workshop „Monsters, Miracles and Metaphors“ der Technischen Universität München hinterfragten die Teilnehmenden mit einem eigens gestalteten Kartenspiel gängige Erzählungen über KI.

Können Beziehungen zu Maschinen sinnvoll sein?

Daniele Bondioli (Universität Roma Tre) argumentierte, dass Beziehungen zu KI-Begleitern bedeutsam sein können, auch wenn sie keine Freundschaften sind. Josefine Ruppenthal (Technische Hochschule Ingolstadt) hielt dagegen, dass Empfehlungssysteme Einsamkeit erst erzeugen, die KI-Begleiter dann scheinbar heilen.

Frankenstein vor Ort

Zum Programm gehörte auch der Ort selbst. Am Donnerstagabend besuchten die Teilnehmenden die Frankenstein-Ausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums in der Alten Anatomie, also dort, wo Victor Frankenstein das Sezieren gelernt hätte. Danach ging es mit einer Führung durch die Altstadt zum gemeinsamen Abendessen.

Ein gelbes barockes Gebäude mit Arkaden und Dachtürmchen. Davor steht eine Gruppe im Garten.
Die Alte Anatomie, heute Sitz des Deutschen Medizinhistorischen Museums.
Eine Gruppe von Konferenzteilnehmenden steht im Garten der Alten Anatomie. Im Hintergrund sind historische Gebäude und ein Turm mit Uhr unter blauem Himmel zu sehen.
Beim Besuch der Alten Anatomie: die Teilnehmenden im Garten des Deutschen Medizinhistorischen Museums.

Ein Preis für zwei Essays

Zum Abschluss der Konferenz wurde erstmals der FrankenstAIn-Essay-Preis für Nachwuchsforschende verliehen, gestiftet vom Förderverein Georgianum und überreicht von Gabriel Engert. Die Jury, die aus den drei Keynote-Vortragenden bestand, zeichnete gleich zwei herausragende Essays aus: Anja Bodenschatz (Universität Hohenheim) und Maximilian Bauer (KU) teilen sich den Preis und das Preisgeld von 1.000 Euro. 

Bodenschatz verbindet empirische Befunde mit philosophischen Argumenten und fragt, ob der Umgang mit KI und technischer Selbsterweiterung unsere moralischen Intuitionen verschiebt. Auf dem Spiel stehe damit auch, was menschliches Urteilen bislang ausmacht. Bauer setzt in seinem Essay „After Creation“ bei Victor Frankensteins Abkehr von seinem Geschöpf an und sieht eine ähnliche Flucht aus der Verantwortung überall dort, wo „Die KI hat entschieden“ als Erklärung für einen Schaden genügt. Mit einem „Frankenstein-Test“ schlägt er vor zu prüfen, ob Betroffene eine solche Entscheidung anfechten können und wer verpflichtet ist, Schäden aufzuklären und wiedergutzumachen.

Vier Personen stehen vor einem Bildschirm mit der Aufschrift „Congratulations!“. Die beiden in der Mitte halten ihre Urkunden.
Anja Bodenschatz und Maximilian Bauer (Mitte) teilen sich den ersten FrankenstAIn Essay Prize. Links Gabriel Engert, der den Preis überreichte, rechts Organisator Prof. Dr. Norbert Paulo.

Was bleibt

Auch über die Fachwelt hinaus fand die Konferenz Beachtung: Bayern 2 sprach am 22. Oktober mit Michael Zichy, und der Donaukurier berichtete über die Eröffnungskeynote und sprach mit Alexandru Mateescu (Université Paris Panthéon-Sorbonne).

„Es war wunderbar zu sehen, wie Mary Shelleys ‚Frankenstein‘ so viele Forschende aus ganz Europa und darüber hinaus nach Ingolstadt geführt hat, und zwar nicht nur aus der Philosophie, sondern auch aus Ökonomie und Management, aus den Ingenieurwissenschaften, der Data Science und den Künsten. Besonders gefreut hat mich, dass Teilnehmende gefragt haben, ob wir so eine Veranstaltung im nächsten Jahr wieder organisieren. Ich bin auf jeden Fall dabei!“, sagt Jurgis Karpus.

Eine abschließende Antwort auf die Frage, die Mary Shelleys Roman vor über 200 Jahren aufwarf, gibt es nicht: Was schulden wir dem, was wir erschaffen? Sie stellt sich mit jeder neuen KI-Anwendung neu. Wer weiterdenken möchte, hat bald Gelegenheit dazu: Vom 16. Januar bis 14. März 2027 zeigt die KU im Ingolstädter Georgianum die Ausstellung „Frankenstein. Mensch. Monster. Gegenüber.“
 

Zum Weiterlesen

Programm mit allen Abstracts (PDF, englisch)

Die Veranstaltungsreihe „FrankenstAIn“ im Überblick

Ausstellung „Frankenstein. Mensch. Monster. Gegenüber.”
 

Das Organisationsteam dankt dem Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr (dtec.bw), das von der Europäischen Union – NextGenerationEU finanziert wird, dem Förderverein Georgianum, dem Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt und der Stadt Ingolstadt.

Weiterlesen...