Forschungsprojekte der Humangeographie

Forschungskonzept der Humangeographie
© Geographie KU

Im Zentrum der Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe stehen Fragen gesellschaftlicher Naturverhältnisse und einer nachhaltigen Entwicklung, die wir aus Perspektive einer integrativen, nicht-dualistischen Mensch-Mitwelt-Forschung (Steiner 2014) in den Blick nehmen. Dem Ansatz entsprechend müssen Wahrheit, Theorie und Praxis als im Erleben vermittelte Einheit gefasst werden, womit sich die klassische, dichotome Aufspaltung zwischen Sozio-Kulturellem und Materiellem als hinfällig erweist. Mensch und Umwelt werden stattdessen als ganzheitliche und sich permanent dynamisch wandelnde Einheit von Physisch-Materiellem, Leiblichem, Kognitivem, Emotionalem, Psychischem und Sozialem verstanden. In ihr kann es Stabilität nur temporär geben, da einzelne Ereignisse eine reflexive Veränderung des Gesamten nach sich ziehen. An die Stelle eines stabilitäts- oder gleichgewichtsorientierten, anthropozentrischen Umweltkonzeptes tritt die Idee eines mit dem Menschen prozessual verwobenen Milieus, in dem und durch das der Mensch neben den anderen Elementen seiner Welt mitexistiert. Die Umwelt wird zur sich permanent verändernden holistisch gedachten Mitwelt.

Eine solchermaßen gewandelte Perspektive spricht konzeptionell für eine gleichberechtigte Einheit von Mensch und Mitwelt und bietet damit Anlass für einen veränderten ethischen und praktischen Umgang von Menschen mit ihrer Mitwelt, in dem Perspektiven nachhaltiger Entwicklung eine besondere Bedeutung erfahren.

Da Mitwelten dem Ansatz zufolge immanent von Wandel geprägt sind, bleibt menschliches Agieren in dieser Welt immer von einer (Rest-)Unsicherheit bezüglicher seiner Auswirkungen geprägt. In der wissenschaftlichen Praxis gehen wir daher in einer prozessorientierten Perspektive der überspannenden Frage nach, wie Menschen kreativ und transaktiv mit sich permanent verändernden Lebensumständen in ihrer (nicht)menschlichen Mitwelt und den damit verbundenen Unsicherheiten umgehen und immer wieder neue Lösungswege für sich ihnen stellende Probleme finden – sei es in ihren ökonomischen Aktivitäten, dem „Practicing Place“ vor dem Hintergrund komplexer gesellschaftlicher Naturverhältnisse oder der politischen Ökonomie nachhaltiger Stadt- und Tourismusentwicklung (s. Abb. 1). Je nach Erkenntnisinteresse richtet sich der Blick dabei auf unterschiedliche Arten menschlicher Transaktion mit unseren Mitwelten – von den individuell leiblichen Erfahrungen und der Praxis von Individuen bis hin zu sozialen und normativen Machtverhältnissen, denen sie ausgesetzt sind, die sie mitgestalten und mit denen sie ihre Welt prägen.

Hierzu bilden Bezüge zur pragmatischen Geographie, der politischen Ökologie und den More-than-human Geographies die konzeptionellen Ankerpunkte der Arbeitsgruppe bei der Untersuchung der dynamisch sich wandelnden Praktiken, mit denen Räume und Orte hervorgebracht und stetig re-konfiguriert werden. Die empirischen Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe lassen sich drei thematisch-konzeptionellen Säulen zuordnen:

Die erste Säule bilden, aufbauend auf Impulsen aus der pragmatischen Transaktionstheorie und den More-than-human Geographies, Forschungsarbeiten zu Mensch-Natur-Geographien. Dabei liegt der Schwerpunkt auf interdisziplinären und transdisziplinären Forschungsarbeiten zu Mensch-Wildtier-Konflikten (Wolf, Biber, etc.)

Die zweite Säule der Forschungsarbeiten schlägt Brücken von der sozialgeographischen Mensch-Umwelt-Forschung zur geographischen Entwicklungs-, Stadt- und Tourismusforschung und fragt nach dem Practicing Place gesellschaftlicher Naturverhältnisse und nachhaltiger Entwicklung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Arenen.

Inspiriert von den Social Studies of Economization beschäftigen wir uns in der dritten Säule unserer Arbeiten mit der Qualität von Gütern. Im Anschluss an eine pragmatisch-prozessorientierte Perspektive verstehen wir dabei Qualität nicht als etwas Gütern innewohnendes, sondern als Resultat kontroverser und sich dynamisch wandelnder Prozesse der Qualifizierung. Diese Prozesse fassen wir als immer lokal und regional in soziale Beziehungen und institutionelle Kontexte eingebettet, gleichzeitig aber auch in globale Beziehungsnetze eingebunden. Daher sprechen wir von Geographien der Qualifizierung. Im Rahmen unserer Analyse legen wir speziellen Fokus auf die verorteten und verortenden Praktiken der Qualifizierung.

Vergleiche auch Forschungsdatenbank: KU.fordoc

Laufende Forschungsprojekte

nach oben

Körper & Territorium: Eine Feministisch Politische Ökologie des weiblichen Protagonismus in Umweltkonflikten

Körper & Territorium: Eine Feministisch Politische Ökologie des weiblichen Protagonismus in Umweltkonflikten

Laufzeit: ab 04/2021
Beteiligte Personen: Rosa Felicitas Philipp
Finanzierung des Projekts: Sonstiges

Der Arbeitstitel meiner Promotion ist «Körper & Territorium: Eine Feministisch Politische Ökologie des weiblichen Protagonismus in Umweltkonflikten». Dies möchte ich an einem Mega-Infrastrukturprojekt am Istmo de Tehuantepec, Oaxaca, Mexiko untersuchen. In drei ca. zweimonatigen Feldaufenthalten, verteilt über die nächsten zwei Jahre, möchte ich mit verschiedenen Methoden (Interviews mit Video, Workshops mit der Methode Cuerpo-Territorio) mit den Forschungspartner*innen in Mexiko arbeiten und den Forschungsprozess partizipativ gestalten. Ausgehend von dem Diskurs um die Verteidigung des Landes und des Territoriums und dem weiblichen Protagonismus in Umweltkonflikten in Lateinamerika, möchte ich daher aus einer feministischen Perspektive verkörperlichte Territorialbeziehungen untersuchen. Ziel der Untersuchung ist es die besondere Rolle von Frauen und ihren Körper zu ihrem Territorium zu verstehen und davon ausgehend die Strukturen des Konfliktes, insbesondere den weiblichen Protagonismus gegen (neo-)extraktivistische und Infrastruktur-Projekte, verstehbar zu machen.
» weitere Informationen unter KU.fordoc

Nachhaltige Tourismus- und Regionalentwicklung in Garmisch-Partenkirchen zwischen Tourismus, freizeitorientierter Migration und Immobilienmarkt

Garmisch-Partenkirchen
© Colourbox

Laufzeit: 2021-2022
Beteiligte Personen: Dr. Gerhard Rainer, Prof. Dr. Christian Steiner, Dr. Frank Zirkl
Finanzierung des Projekts: Bayerischen Zentrum für Tourismus e.V

In den traditionellen, seit langer Zeit etablierten aber nach wie vor bedeutenden Destinationen wie bspw. der wichtigsten deutschen Wintersportdestination Garmisch-Partenkirchen zeigt sich ein deutlicher Wandel im Verhältnis zwischen Tourismus und anderen Formen der freizeitorientierten Mobilität von Personen und Kapital, der bisher jedoch wissenschaftlich kaum untersucht wurde. Mit einer qualitativen empirischen Erhebung in der Region Garmisch-Partenkirchen soll nun eine essentielle Wissensbasis über die Verschränkungen von Tourismus und Immobilienmarkt geschaffen werden.
» weitere Informationen unter KU.fordoc

Geographien der Qualifizierung im globalisierten Weinmarkt

Geographien der Qualifizierung im globalisierten Weinmarkt
© Gerhard Rainer

Laufzeit: 2021-2024
Beteiligte Personen: Dr. Gerhard Rainer, Prof. Dr. Christian Steiner
Finanzierung des Projekts: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Im Mittelpunkt des Projekts steht ein pragmatisch-prozessorientierter Forschungsansatz, der sich mit der Qualität von Produkten beschäftigt. Das Projekt geht davon aus, dass sich die Qualität von Produkten in einem aufwändigen Prozess bestimmt, in den nicht nur die Produzenten der jeweiligen Güter, sondern auch andere Akteure wie Produkttester und Konsumenten eingebunden sind. Aus dieser Perspektive sollen Qualifizierungsprozesse in der Weinwirtschaft, in der sich in den letzten Jahrzehnten ein besonders dynamischer Globalisierungsprozess nachzeichnen lässt, untersucht werden.  Basis dafür ist die These, dass die fortschreitende Globalisierung, je nach lokal-globaler Einbettung der Produktion, erhebliche Auswirkungen auf die Mechanismen der Qualifizierung von Wein ausübt.
» weitere Informationen unter KU.fordoc

Practicing Place. Soziokulturelle Praktiken und epistemische Konfigurationen (GRK 2589)

Practicing Place

Laufzeit: 2021-2025
Beteiligte Personen: Dr. Nathalie Aghoro (American Studies), Prof. Dr. Joost van Loon (Sociology), Prof. Dr. Richard Nate (English Literary Studies), Prof. Dr. Annika Schlitte (Philosophy; University of Greifswald), Prof. Dr. Kerstin Schmidt (American Studies), Prof. Dr. Robert Schmidt (Sociology), Prof. Dr. Christian Steiner (Geography), Prof. Dr. Hans-Martin Zademach (Geography), Prof. Dr. Michael F. Zimmermann (Art History)
Finanzierung des Projekts: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; Förderkennzeichen GRK 2589)

Das Kolleg widmet sich der interdisziplinären Reflexion der Konzepte Ort und Verortung, denn gerade im Kontext zunehmender globaler Interdependenzen und grenzenlos gewordener medialer Kommunikation gewinnen Orte und Prozesse der (Neu-)Verortung sozial, kulturell und politisch an Brisanz. Leitgedanke des Kollegs ist, dass Orte nur dynamisch, als practicing place gedacht werden können. Entsprechend werden sowohl spezifische Praktiken der Herstellung von Orten und ihre epistemischen Konfigurationen (z.B. das Erfassen, Kartographieren, Imaginieren, Erfahren und Erschreiben von Orten) als auch Situiertheit und Lokalität als Aspekte jeglicher Praxis in den Blick genommen.
» mehr Informationen auf der Homepage des Graduierten Kollegs

Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Akzeptanz der Rückkehr der Biber – eine vergleichende Potenzialanalyse zur Weiterentwicklung des Bibermanagements in Bayern und Kanada

Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Akzeptanz der Rückkehr der Biber – eine vergleichende Potenzialanalyse zur Weiterentwicklung des Bibermanagements in Bayern und Kanada
© Colourbox

Laufzeit: 2021-2024
Beteiligte Personen: Miriam Elsässer,  Prof. Dr. Christian Steiner
Finanzierung des Projekts: Nicht begutachtete Drittmittel

Einem transdisziplinären Ansatz folgend möchte das Forschungsprojekt anhand eines vergleichenden Untersuchungsdesigns in Bayern und der Saint Lawrence River-Region (Kanada) zu einer Verbesserung des Bibermanagements und der Akzeptanz der Wiederansiedlung des Bibers in Bayern beitragen. Die beiden Untersuchungsgebiete beschreiten gesellschaftlich sehr unterschiedliche Wege, um das Zusammenleben von Menschen und Bibern zu gestalten.
» weitere Informationen unter KU.fordoc

Wasserversorgung, Naturproduktion und Machtverhältnisse im Iran

Iran_Wasserversorgung.jpg
© Google Earth

Laufzeit: 2020-2023
Beteiligte Personen: MSc Leila Khodabakhsh, Prof. Dr. Christian Steiner
Finanzierung des Projekts: Rosa-Luxemburg Stiftung

Ziel des Projektes ist es, die Auseinandersetzung um Wasserversorgungssysteme im Iran als Mensch-Umwelt-Konflikte in einem breiteren machtpolitischen Zusam-menhang von Zentralisierungstendenzen im modernen Iran zu analysieren. Dazu bedient sich das Projekt eines politisch-ökologischen Theorieansatzes, der Elemente aus der kritischen Theorie mit der Beurteilung von Mensch-Umwelt Interaktionen kombiniert, um besser zu verstehen, wie gesellschaftliche Struktur, politische Macht- und gesellschaftliche Naturverhältnisse miteinander zusammenhängen.
» weitere Informationen unter KU.fordoc

Pragmatische Geographien der Resonanz am Beispiel der Rückkehr von Wölfen in die alpine Kulturlandschaft

Pragmatische Geographien der Resonanz am Beispiel der Rückkehr von Wölfen in die alpine Kulturlandschaft
© Colourbox

Projektart: Dissertation
Laufzeit: lfd.
Beteiligte Personen: MSc Verena Schröder

Das Forschungsprojekt gliedert sich in die Animal Geographies sowie in die Mehr-als-menschlichen Geographien ein und greift Fragen zur Rückkehr von Wölfen in die alpine Kulturlandschaft auf. Dabei werden im Untersuchungsgebiet des Calanda-Massivs in der Schweiz die dynamischen Wechselbeziehungen zwischen den Wildtieren und den Vertreter*innen der Land-, Jagd- und Forstwirtschaft erforscht und die in der westlichen Moderne verankerte Grenzziehung zwischen Natur und Kultur infrage gestellt. Dazu orientiert sich das Projekt an resonanz- und transaktionstheoretischen Ansätzen und zielt zudem darauf ab, den Comic als ergänzende Visualisierungsform von qualitativen Forschungsergebnissen für die Geographie fruchtbar zu machen.

Abgeschlossene Forschungsprojekte

nach oben

2020

Leibl|ICH| sein! Zur Konstruktion leiblich‐räumlicher Identitäten aus neo‐phänomenologischer Perspektive.

Projektleitung: Breitung, Dipl.-Geogr. Anke
Laufzeit: 2010 - 2020, abgeschlossen
Finanzierung: Intern/Forschungsschwerpunkt

Die im Zuge des Cultural und Spatial Turn aufkeimende Neu-Beschäftigung mit räumlichen Dimensionen von Identitäten ist in zahlreichen Disziplinen von der Psychologie, über die Soziologie, Humangeographie bis hin zur Migrationsforschung stark geprägt von konstruktivistischen Raumvorstellungen. Wie auch innerhalb anderer Bereiche der Sozialwissenschaften dominiert in der raumbezogenen Identitätsforschung eine dualistische Sichtweise, die den Körper vom Geist und den Menschen von seiner materiellen Umwelt trennt. Dabei bleiben ortsbezogene, lokale und auch materielle Kontexte oftmals in der Betrachtung außen vor. Dadurch werden vor allem die leiblichen, sinnlichen, affektiven oder irrationalen Dimensionen unserer Erfahrungen außer Acht gelassen, die für Menschen zentral im Rahmen ihrer Identitätsarbeit sind. Die meisten Ansätze, die versuchen diese Lücke zu füllen, bleiben jedoch gefangen in dualistischen Denkfiguren und können das Problem daher nicht lösen. Daher plädiert diese Arbeit für einen holistische Ansatz und macht dazu eine neo-phänomenologische Perspektive für die Identitätsforschung fruchtbar. Basierend auf den Arbeiten Heideggers, Schmitz‘ und Hasses werden die räumlichen Bezüge menschlicher Identitätsarbeit vom leiblichen Daseins des Menschen aus entworfen. Zusammen mithilfe einer kritischen Phänomenologie des Raumes gelingt es so ein radikal neues leiblich-räumlich-zentriertes Identitätsmodell zu entwerfen. Damit leistet die Arbeit einen wichtigen Beitrag, um zu verstehen, wie die Ganzheit der sich durch uns aufspannenden Umwelt in komplexer und dynamischer Art und Weise auf die Konstruktion unseres Selbst reflexiv Einfluss nimmt.

2019

Die Globalisierung der Weinproduktion und ihre Auswirkungen auf die globale Vernetzung ländlicher Regionen

Projektleitung: Steiner , Prof. Dr. Christian; Rainer, Dr. Gerhard
Laufzeit: Februar 2019 - April 2019, abgeschlossen
Finanzierung: Intern/PROFOR

John Overton is a geographer at Victoria University of Wellington, New Zealand, having previously held positions elsewhere in New Zealand, Fiji and Australia. He currently holds the position of Professor of Development Studies. He has studied the wine industry in New Zealand, South America and South Africa for over twenty years. His particular interests in the geography of wine relate to the making of place-brands and the way this ties to industrial structure. He has worked also on the way new wine regions have formed alongside the restructuring of established wine-producing regions, resulting in an increasingly complex global wine industry marked by both intense competition in established and emerging wine markets and innovative strategies for product differentiation. John also conducts research on international aid and development, with a particular focus on the Pacific Islands, and has recently published a book on the subject Aid, Ownership and Development (Routledge 2018).

2017

Mensch-Wolf-Beziehungen in der alpinen Kulturlandschaft. Pragmatisch-transaktionistische Analyse, empathische Zugänge und Comics als Form der Wissenschaftskommunikation

Projektleitung: Schröder, Verena ; Steiner, Prof. Dr. Christian
Laufzeit: September 2017 - Januar 2018, abgeschlossen
Finanzierung: Intern/PROFOR

Die Rückkehr der Wölfe in die mitteleuropäische Kulturlandschaft löst dynamische Veränderungen aus, die sich bspw. im Wandel von Praktiken und Emotionen in der Landwirtschaft und Jagd ausdrücken oder in der Einrichtung offizieller Herdenschutzstellen. Während sich die öffentliche Debatte über die rückkehrenden Tiere vor allem auf den Riss von Nutztieren und die Diskussion um einen Abschuss der Wölfe verengt, möchten wir in unserem Projekt den Fokus auf die komplexen und sich stetig dynamisch wandelnden Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Wolf lenken. Dafür führen wir ethnographisch-empathische Untersuchungen im schweizerischen Calanda-Gebiet durch, in dem sich 2012 ein Wolfsrudel etabliert hat und zielen darauf ab, den Comic als wissenschaftliches Kommunikationstool für die Animal Geographies fruchtbar zu machen.

Für die theoretische Untermauerung unseres Vorhabens knüpfen wir an die aktuelle Diskussion innerhalb der Animal Geographies über eine Destabilisierung des Dualismus zwischen Mensch und Tier und eine „more fluid, turbulent and relational human/animal ontological reconfiguration“ (Buller 2014, 312) an. Auch wenn sich diese oder ähnliche Forderungen nach einer ontologischen Rekonfiguration in den Forschungen zu More-than-human Geographies bei ihren Vertretern wiederfinden (bspw. Greenhough 2014; Hovorka 2018), so scheint sich die konzeptionelle Ausarbeitung einer neuen ontologischen Basis – abseits der Arbeiten von Lorimer et al. (2017) – für derartige Bemühungen jedoch bisher noch in den Anfängen zu befinden. Gerade die Entwicklung einer entsprechenden ontologischen Grundlage halten wir jedoch für wesentlich, denn sie ermöglicht ein neues Denken zur Stellung menschlicher und nicht-menschlicher Lebewesen in der Welt, aus dem wiederum neue wissenschaftliche, politische und ethische Konsequenzen folgen. Im Sinne der angestrebten ontologischen Rekonfiguration schlagen wir daher vor, für die Animal Geographies die Philosophie des klassischen Pragmatismus fruchtbar zu machen, die für eine holistische Sichtweise auf die Beziehungen von Mensch und Mitwelt eintritt (Dewey/Bentley 1949). In ihr werden Menschen, Tiere, Organismen und jedwede Materie als zeitlich und räumlich ausgedehnte Ereignisse verstanden, die mit ihrer Mitwelt durch materiell-leibliche, sinnliche und emotionale Praktiken und Erfahrungen prozessual verwoben sind. Diese komplexe und sich dynamisch und permanent wandelnde Verwobenheit wird im Pragmatismus als transaktive Beziehung bezeichnet (Steiner 2014).

Mit einer pragmatisch-transaktionistischen Perspektive geht die Notwendigkeit einher, in methodischer Hinsicht Wege zu finden, die sowohl auf ein Verständnis der Lebenswelten von menschlichen als auch nicht-menschlichen Lebewesen abzielen. Mit Bezug zum Thema Wolf wenden wir daher (1) narrative Interviews mit Schaf- und Großviehlandwirt*innen, Jäger*innen und Wildhüter*innen entsprechend eines ethnographischen Go-Alongs (Kusenbach 2003) an, um so ein tieferes Verständnis der Erfahrungen, Praktiken und Emotionen der Interviewpartner*innen durch Miterleben ihrer Lebenswelten zu ermöglichen. Zudem planen wir (2) Beobachtungen von Schaf- und Rinderherden und ihren Schutzhunden ein und schließen mit unserem Projekt an die jüngste Diskussion in den More-than-human Geographies an, die nach Möglichkeiten sucht, sich multisensorisch und empathisch auf das tierische Gegenüber einzulassen, um das „In-der-Welt-Sein“ (Gruen 2014, 404) des anderen besser nachzuvollziehen. Dazu lehnen wir uns (3) an das Konzept „engaged witnessing“ (Bell et al. 2018) und versuchen die eigene Aufmerksamkeit in Form von multisensorischen Begehungen nicht ausschließlich auf visuelle Aspekte, sondern auch auf Geräusche, Gerüche und Windverhältnisse zu legen, um so andere Rhythmen, Kräfte und Bewegungen kennenzulernen und Räume ähnlich wie Wölfe oder Rothirsche und Rehe zu erschließen. Auch wenn letzteres nur eingeschränkt möglich ist, stellt diese Herangehensweise an das Feld eine Ausdehnung des eigenen Erkenntnishorizonts dar, um auf Grundlage einer umfassenden Erfahrung in der Natur so gut wie möglich zu verstehen, wie Tiere uns Menschen wahrnehmen und wir in ihre alltäglichen Lebenswelten integriert werden.

Einen zweiten und wesentlichen Bestandteil des Projekts bildet das Thema Wissenschaftskommunikation. Der Transfer von wissenschaftlichen Ergebnissen in die Gesellschaft stellt für die Akzeptanz und Sichtbarkeit von Universitäten und deren Mitarbeiter*innen ein immer relevanter werdendes Arbeitsfeld dar. In dem Zusammenhang schlagen wir vor, unsere Forschungsergebnisse ergänzend zur „klassischen“ Aufbereitung in Form von wissenschaftlichen Artikeln, als Comics zu visualisieren. Die bildhafte Darstellung von komplexen Themen, sei es in der Form von Comics oder Graphic Recording – der visuellen Simultan-Übersetzung von Tagungen und Workshops oder dem Zeichnen von Inhalten unter der Kamera – gewinnen im Wissenschaftskontext zunehmend an Relevanz (Hangartner et al. 2013): So hat der Verlag Taylor & Francis beispielsweise kürzlich begonnen, Cartoon-Abstracts für wissenschaftliche Artikel zu veröffentlichen, die Fachzeitschrift Nature publizierte einen Comic zum Thema Klimawandel (Monastersky/Sousanis 2015) und auch in der angelsächsischen Geographie wird das Thema bereits diskutiert (Dittmer 2010, 2014; Laurier 2014). Vom Ergebnis erhoffen wir uns Resonanz in der wissenschaftlichen Community und in der Öffentlichkeit sowie Sichtbarkeit in der Region (in der das Thema Wolf bereits diskutiert wird ).